jungen Welt vom 20.04.2002Solidarität für Hungerstreikende in Türkei
Unterstützer wollen Schicksal der Gefangenen wieder an die Öffentlichkeit bringen
Peter Nowak

In der Türkei geht der bisher weltweit längste Hungerstreik von politischen Gefangenen in den 20. Monat. Obwohl 90 Gefangene mittlerweile gestorben und mehrere hundert Menschen irreparable gesundheitliche Schäden davongetragen haben, stellt sich die türkische Regierung stur. Sie hofft darauf, daß die Gefangenen von der Weltöffentlichkeit vergessen werden. Zynisch erklärte der türkische Justizminister Sami Türk kürzlich, die Angelegenheit werde spätestens in sechs Monaten mit dem Tod der Gefangenen beendet sein, wenn die Medien nicht mehr berichten würden.

Solidaritätsgruppen versuchen, dieses Kalkül nicht aufgehen zu lassen. So demonstrierten in Istanbul dieser Tage mehrere tausend Menschen für eine politische Lösung des Konflikts. Aus Protest gegen die Repression, mit der auch Unterstützer der Gefangenen konfrontiert sind, hatten viele Demonstrationsteilnehmer ihren Mund mit Klebeband verschlossen.

Doch nicht nur in der Türkei soll die Solidaritätsarbeit wieder verstärkt werden. »Wir wollen auch in Berlin das Thema politische Gefangene in der Türkei wieder an die Öffentlichkeit bringen«, erklärte eine Sprecherin der »Initiative für das Leben« gegenüber jW. Mehrere Menschenrechtsgruppen haben sich in diesem Bündnis zusammengeschlossen. Vom 20. bis 30. April wollen sie mit einem »Solidaritätszelt« auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg auf ihr Anliegen aufmerksam machen.

Auch im ostbayerischen Regensburg findet am heutigen Sonnabend eine Solidaritätsdemonstration für die türkischen Gefangenen statt. Mit dem Protest soll auch an den Tod von Kazim Gülbag erinnert werden, der sich am 20. April 2001 vor dem Regensburger Justizgebäude mit Benzin übergoß und verbrannte. Gülbag wollte damit gegen die Zustände protestieren, denen die Gefangenen in der Isolationshaft ausgesetzt sind. Seine Frau gehörte zu den Todesfastenden und starb wenige Wochen später in Istanbul.

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