Telepolis vom 9.01.02Freispruch auf der ganzen Linie

Peter Nowak


Weil man ihm die Tat nicht nachweisen konnte und der Server des
World-Economic-Forum nicht gesichert war, wurde der angebliche
"Polit-Hacker von Bern" freigesprochen

Mehr als eineinhalb Jahre nach der schlagzeilenträchtigen Festnahme
des [1]Polit-Hackers von Bern wurde Anfang Oktober ein juristischer
Schlussstrich unter diesen Fall gezogen. Der damals von Presse und
Polizei als Polit-Hacker vorverurteilte Berner Informatiker David S.
wurde nicht nur freigesprochen. Auch seine Gerichtskosten übernimmt die
Staatskasse. Außerdem wurde ihm eine Entschädigung für die
Untersuchungshaft und den damit verbundenen Lohnausfall gewährt.

Dieser Freispruch auf der ganzen Linie ist eine Ohrfeige sowohl für
die Schweizer Polizei als auch das Weltwirtschaftsforum (WEF). Gegen
deren Treffen im mondänen Davos gingen Ende Januar 2001 Tausende
Globalisierungskritiker aus der Schweiz, Österreich und Deutschland auf
die Strasse. Schon vor dem Treffen war es Hackern gelungen, in den
[2]WEF-Server einzudringen und eine große Menge persönlicher Daten der
Teilnehmer, einschließlich Konto- und Handynummern, zu kopieren. Diese
Daten wurden auf einer CD der [3]Schweizer Sonntagszeitung zugespielt (
[4]Weltwirtschaftsforums-Hack war Spaziergang durch offenes
Scheunentor).

Eine Gruppe mit dem in Anlehnung an einen [5]US-Bestseller gewählten
Phantasienamen "Virtual Monkey-Wrench" bekannte sich in einem
[6]Interview zu ihrer Aktion im Geiste von "Anarchismus und
Hacker-Ethik". Daher war der Triumph der Justiz groß, als sie am
23.Februar 2001 die Festnahme von David S. melden konnte.

Der sich selbst als globalisierungskritisch bezeichnende Mann bestritt
vor Gericht nicht, die WEF-Internetseite besucht zu haben. Allerdings
habe er persönlich keine Daten heruntergeladen. Auch die inkriminierte
Diskette mit den persönlichen Daten habe er sich auf seinen Computer
angesehen. Allerdings habe er die von Freunden erhalten. Diese
Einlassung konnte die Anklage nicht widerlegen.

In der Freispruchsbegründung gab es noch eine Ohrfeige für das WEF.
Das unbefugte Eindringen in ein Datenverarbeitungssystem sei laut
Gesetz nur strafbar, wenn das System gegen einen Zugriff besonders
gesichert ist. Das aber sei bei der WEF-Internetseite nicht der Fall
gewesen. Die Datenbank habe man durch einen offenen Port mit dem Kürzel
"sa" für Systemadministrator und dem Druck auf die Returntaste betreten
können. Bewegungen der Datenbank seien nicht aufgezeichnet worden. In
einer Erklärung beteuerte WEF-Direktor André Schneider nach dem Urteil,
dass man das Sicherheitssystem der Datenbank längst grundlegend
verbessert habe.

Damit der Justiz solche Fahndungspannen in Zukunft erspart bleiben,
kündigte der freigesprochene Informatiker David S. an, einen Teil
seiner Entschädigung einer "Stiftung zur Förderung der
Informatikkenntnisse bei Untersuchungsrichtern" zur Verfügung zu
stellen. Wie heißt es doch so schön: Wer den Schaden hat, braucht für
Spott nicht zu sorgen.

Links

[1] http://www.slash.com.ch/No47/d47-new-de.htm
[2] http://www.weforum.org/
[3] http://www.sonntagszeitung.ch/sz/szHome.html
[4] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/7031/1.html
[5] http://www.pressman.com/inproduction/monkey.htm
[6]
http://www.sonntagszeitung.ch/sz/szFeinRubrik.html?ArtId=69780&rubrikid=
115&ausgabeid=1224

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