TELEPOLIS12.07.2002Nahost-Konflikt bei Indymedia

Peter Nowak


Indymedia-Frankreich wurde bis zur Klärung des Problems geschlossen,
beim deutschen Indymedia greift man mitunter auch zur ansonsten
verpönten Zensur

Der Nahost-Konfikt hat auch Folgen in der unabhängigen Medienszene.
Beim [1]Freien Senderkombinat, einem nichtkommerziellen Hamburger
Sender, führte eine Auseinandersetzung über ein Interview mit einem
Palästinenser zu körperlichen Auseinandersetzungen und Sendeverboten.
Der Interviewte habe die israelische Politik gegenüber den
Palästinensern mit der Politik der Nazis gegen die Juden verglichen und
damit die Shoah verharmlost, argumentiert ein großer Teil des
Radiokollektivs.

Auch im Netzwerk [2]Indymedia schlagen die Wellen hoch. Nachdem der
Schweizer Indymedia-Zweig monatelang wegen einer Auseinandersetzung um
antisemitische Texte abgeschaltet war ( [3]Vorübergehend geschlossen),
hat jetzt [4]Indymedia-Frankreich seine Arbeit vorerst eingestellt.
Auch in diesem Fall ist es die Auseinandersetzung um die politisch
korrekte Kommentierung des Nahost-Konflikts, die das Alternativmedium
in die Krise gestürzt hat.

Auslöser des Streits bei Indymedia-Frankreich waren Beiträge des für
die [5]Palestinian Times arbeitenden Journalisten [6]Khaled Amayreh.
Dazu gehörte ein Foto, das einen Palästinenser zeigt, dem angeblich von
israelischen Soldaten ein Hakenkreuz und ein Davidstern in die Haut
geschnitten worden war. Außerdem hatte Khaled Amayreh in mehreren
Beiträgen die israelische Politik gegenüber den Palästinensern mit der
NS-Politik gegenüber den Juden verglichen.

Was manche Mitarbeiter des französischen Indymedia-Kollektivs als zwar
überspitzte, aber noch zulässige Kritik an der israelischen Politik
klassifizieren, hatte für andere die Grenze zum Antisemitismus
eindeutig überschritten und war nicht zu tolerieren. Die eine Fraktion
warnte vor Selbstzensur und erinnerte an den Indymedia-Grundsatz der
ungefilterten Information, während die anderen davor warnten, im Namen
der Meinungsfreiheit antisemitische und revanchistische Meinungen bei
Indymedia zu tolerieren.

Nachdem einer der führenden Indymedia-Aktivisten seine Funktionen
niedergelegt hatte, wurde klar, dass es bei dieser Auseinandersetzung
nicht um eine der vielen meist folgenlosen innerlinken Debatten geht.
Die Grundlagen des jungen Mediums standen insgesamt zur Diskussion.
Ende Juni beschloss das Restkollektiv, die Arbeit für Indymedia
Frankreich bis zum September einzustellen.

Der [7]deutsche Indymedia-Zweig ist bemüht, die Debatte über
Nahost-Konflikt und Antisemitismus möglichst klein zu halten. Dazu
greifen einige Moderatoren sogar zu den eigentlich verpönten Mittel der
Zensur: "Wir haben uns entschieden, (...) der innerdeutschen
Pseudo-Debatte über Antisemitismus solange kein Forum zu bieten, wie
sie kein Interesse an konstruktiver Auseinandersetzung zeigen",
schreiben einige Moderatoren in schlechtem Deutsch aber mit der
eindeutigen Aussage: "Wir betrachten entsprechende Beiträge als
vorsätzliches, wiederholtes Mißachten der Zielsetzung von Indymedia
(...) und löschen sie entsprechend unseres Kriteriums gegen Spam."

Mittlerweile haben sich die Opfer der Indymedia-Zensur allerdings
ebenfalls ihren Platz im Internet [8]gesichert und erheben die
Forderung "Schluss mit der politischen Zensur gegen
antisemitismuskritische Beiträge". So ist es durchaus möglich, dass
Indymedia Deutschland die Antisemitismusdebatte mit unabsehbaren Folgen
für das Projekt noch vor sich hat.

Links

[1]
http://www.fsk-hh.org/
[2] http://www.indymedia.org
[3] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/11963/1.html
[4] http://france.indymedia.org/
[5] http://geocities.yahoo.com.br/palestina67/artigos/artigo09.htm
[6] http://www.lebnet.com/phrmg/issue3/ph03109.htm
[7] http://de.indymedia.org/
[8] http://www.antisemitismusstreit.tk/

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