taz  vom 25.5.2002Reiner Zellentausch
In der Türkei droht Ihsan Ersoy sofort die Verhaftung. Nun wollen
Menschenrechtler seine Abschiebung verhindern
Der Eingang des Berliner Verwaltungsgerichts ist ein ungewöhnlicher Ort für
eine Pressekonferenz. Doch der "FreundInnenkreis Ihsan Ersoy" hatte ihn am
Freitag nicht ohne Grund gewählt. In den nächsten Tagen wird das Gericht
entscheiden, ob der türkische Flüchtling Ihsan Ersoy in sein Heimatland abgeschoben
wird. "Am Flughafen würde sicher schon die Polizei warten", ist sich Ersoy
sicher.

In der Türkei wurde er zu einer viereinhalbjährigen Haftstrafe wegen
Desertion verurteilt. Wegen seiner Mitarbeit in einem linken Kulturvein läuft noch
ein weiteres Strafverfahren. "Das ist leider für die zuständigen Gerichte kein
Asylgrund", bedauert Ersoys Verteidiger Ulrich Klinggräff. Sein Asylantrag
wurde abgelehnt. Über einen Nachfolgeantrag ist noch nicht entschieden. Doch
eine aufschiebende Wirkung hat das nicht. "Es ist durchaus möglich, dass Ersoy
schon längst in türkischer Haft ist, wenn seinem Asylantrag in zweiter
Instanz doch noch stattgegeben wird", sagte ein Vertreter des FreundInnenkreises.

Die Zeit wird knapp. Seit dem 17. Mai sitzt Ersoy in Abschiebehaft. Mit
einem Eilantrag will Klinggräff die Abschiebung noch stoppen: "Es ist das letzte
juristische Mittel." Wird der Antrag abgelehnt, bliebe nur noch eine Petition
vor der Härtefallkommission des Berliner Senats. Doch die kümmert sich nur
um die Fälle, bei denen zumindest eine gewisse Aussicht auf Erfolg besteht. Ob
Ersoy dazu gehört, ist fraglich. Er hat in Berlin eine mehrjährige
Haftstrafe wegen Beteiligung an einem Raubüberfall verbüßt. "Dadurch sind die Chancen,
die Abschiebung zu verhindern, sehr gering", so die Einschätzung der
Expertin für Flüchtlingsfragen in der Berliner PDS-Fraktion, Karin Hopfmann.

Der FreundInnenkreis will am Sonntag mit einer Solidaritätskundgebung von 14
bis 16 Uhr vor dem Abschiebegefängnis Berlin-Grünau seine Solidaritätsarbeit
fortsetzen. Und wenn Ersoys Abschiebung nicht verhindert werden kann, soll
eine Delegation in der Türkei beobachten, was dort mit Ersoy geschieht. PETER
NOWAK

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]