jungen Welt vom 18.12.2002 Noch immer Demos gegen die I.G. Farben?.

Unendliche Abwicklung der Nazi-Profiteure: Noch immer Demos gegen die I.G. Farben?
jW sprach mit Axel Koehler-Schnura
Interview: Peter Nowak

* Vor 50 Jahren sollte sich die zum Synonym fuer den Naziterror gewordene I.G. Farben aufloesen, doch sie existiert noch immer. Am heutigen Mittwoch treffen sich ihre Aktionaere in Frankfurt am Main zur Jahreshauptversammlung. Verschiedene politische Initiativen planen Proteste. Axel Koehler-Schnura von der Initiative "Nie wieder" ist an deren Koordination beteiligt

F: Die I.G. Farben will sich selbst abwickeln, behauptet sie. Warum braucht es da noch Proteste?

Weil jeder Tag der Weiterexistenz dieser Gesellschaft ein himmelschreiender Skandal fuer jeden demokratisch gesinnten Buerger dieses Landes ist. Keine Firma hat mehr Blut an ihren Aktien als die I.G. Farben. Sie hat Hunderttausende Menschen in brutalster Weise versklavt und ermordet. Sie war der Steigbuegelhalter der Nazidiktatur und zuverlaessiger Partner des faschistischen Terrors. Sie hat mit Zyklon B an der Industrialisierung des Holocaust verdient.

F: Die I.G. Farben haben vor Jahren die Gruendung einer Stiftungsinitiative fuer die Opfer ihrer Politik angekuendigt. Was ist daraus geworden?

Nichts! Diese Stiftung ist eine Verhoehnung der Opfer und eine Irrefuehrung der Oeffentlichkeit. Die Geschaeftsfuehrer der I.G. Farben erhalten mehr Jahresverguetung, als in diese Stiftung eingebracht wurde. Ob die angekuendigten 250000 Euro ueberhaupt eingezahlt werden, ist ungewiss. Waehrend am Grab des I.G.-Farben-Verbrechers Fritz ter Meer, der im Vorstand persoenlich fuer die Zwangsarbeit und den Massenmord im firmeneigenen KZ Monowitz verantwortlich war, taeglich frische Blumen stehen, werden die Opfer der I.G. Farben missachtet und verhoehnt. Die I.G. Farben weigert sich selbst der - im uebrigen ebenfalls hoechst beschaemenden - Stiftungsinitiative der Industrie beizutreten. Auch fast 60 Jahre nach Beendigung der Nazizeit zeigt die I.G. Farben keinerlei Reue. Noch kein einziges Opfer der I.G. Farben hat auch nur einen Cent aus der Scheinstiftung gesehen.

F: Was ist bei den Protesten geplant?

Bereits einmal konnte oeffentlicher Protest die Durchfuehrung einer Hautversammlung der I.G.-Farben-Aktionaere komplett verhindern. Es geht uns darum, diesen blutbefleckten Syndikaten den oeffentlichen Raum und jegliche demokratische Legitimation zu nehmen.

F: Ist es noch das breite Buendnis, das vor einigen Jahren zu den Protesten aufrief?

Selbstverstaendlich. Immerhin finden die Proteste seit nunmehr 20 Jahren ohne Unterbrechung statt. 16 Organisationen rufen zur Demonstration auf. Darunter die renommierten Verfolgtenorganisationen wie etwa das Auschwitz-Komitee und die VVN/Bund der Antifaschisten, aber auch zahlreiche Antifagruppen und erstmals die Bundesfachtagung der Chemiefachschaften. Im Rahmen der mitveranstaltenden Kampagne "Nie wieder!" unterstuetzen mehr als 3000 Organisatoren und Einzelpersonen aus den USA, Europa und Russland die Aktion mit ihrer Unterschrift. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren ist seit 20 Jahren dabei, weil BAYER eine der treibenden Kraefte innerhalb der I.G. Farben war. Allerdings waere es wuenschenswert, wenn sich auch sozialdemokratische und gewerkschaftliche Organisationen staerker in die Aktionen einreihen wuerden.

* Weitere Informationen im Internet unter www.kritischeaktionaere.de/Konzernkritik

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