TAZ vom 27.04.02Hungerstreik auf dem Oranienplatz
Bis zum 30. April versuchen türkische Aktivisten in Berlin Solidarität für
Gefangene in ihrem Land herzustellen
Ungewöhnliches tut sich zur Zeit auf dem Oranienplatz. Menschen mit weißen
Umhängen auf denen in blauer Schrift "Hungerstreik" prangt, sitzen vor einem
großen Zelt, auf dem Foto zahlreicher junger Männer und Frauen abgebildet
sind. "Die sind in den letzten Jahren durch die Haftbedingungen in türkischen
Gefängnissen gestorben", erklärt einer von ihnen interessierten Passanten.

Enver ist blass. Kein Wunder, hat er doch seit vergangenen Samstag keine
Nahrung mehr zu sich genommen. Bis zum 30. April wird die von der "Initiative
für das Leben" getragene Solidaritätsaktion in Kreuzberg noch dauern. "Wir
erheben unsere Stimme gegen das Massaker an den politischen Gefangenen in der
Türkei", steht auf einem Transparent, das an dem Zelt befestigt ist.

Mit dieser Aktion soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass in der Türkei
der weltweit längste Hungerstreik politischer Gefangener nun schon seit
zwanzig Monaten andauert. Obwohl dabei bereits neunzig Gefangene gestorben und
hunderte schwere gesundheitliche Schäden davon getragen haben, gibt sich die
türkische Regierung kompromisslos. Zynisch erklärte der türkische Justizminister
Sami Türk kürzlich, der Hungerstreik wäre spätestens in sechs Monaten mit
dem Tod der Gefangenen beendet, wenn die Medien nicht mehr darüber berichten.

"Das Kalkül wollen wir durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit durchkreuzen.
Das Thema muss auch in Deutschland wieder auf die Tagesordnung", meint eine
Sprecherin der "Initiative für das Leben". Deshalb gehören Besuche bei
Politikern aller Parteien ebenso zum Programm der Berliner Solidaritätswoche, wie
das Erstellen von Presseinfos.

Hauptschwerpunkt ist aber die Öffentlichkeit. An zahlreichen Orten Berlins
werden Unterschriften für die Initiative "3 Türen - 3 Schlösser" verteilt. Mit
dem Vorschlag drei 3-Personen-Zellen zu öffnen und so 9 Gefangenen freie
Kommunikation zu ermöglichen, versuchen türkische Menschenrechtsorganisationen
wieder Bewegung in die festgefahrenen Fronten zwischen dem türkischen Staat
und den Gefangenen zu bringen. Die haben die Initiative ausdrücklich
unterstützt.

Die Berliner Aktivisten sind über die öffentliche Resonanz zufrieden. "Viele
Passanten informieren sich bei uns und ermutigen uns weiterzumachen", meint
Enver. Doch zufrieden ist er damit nicht. "Der Hungerstreik hat im Oktober
2000 begonnen, und wir müssen jetzt wieder mit der Öffentlichkeitsarbeit
beginnen.

PETER NOWAK

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