jungen Welt vom 18.05.2002Arbeiten in der New Economy: Unsichtbare Ausbeutung?
jW sprach mit Deborah Kaufman und Alan Snitow, Regisseure des Filmes »The Secret of Silicon Valley« über die Arbeitsbedingungen in der Neuen Ökonomie. Das Filmemacherduo hat sein Werk in dieser Woche in Deutschland vorgestellt
Interview: Peter Nowak

F: Was war der Grund für Sie, einen Film über die Arbeitswelt zu drehen?

Kaufman: Wir haben schon zahlreiche Filme zu sozialen Brennpunkten gemacht. Einer der letzten Filme handelte von den Beziehungen zwischen Schwarzen und Juden in den USA. Jetzt wollten wir einen Film über die Klassenverhältnisse in den USA machen. Schließlich ist es in den USA viel leichter, über ethnische Probleme als über Klassenwidersprüche zu reden. Die sind in den USA ein Tabu. Die Leute sehen sie nicht oder wollen sie nicht sehen.

F: Warum haben Sie ausgerechnet das Mekka der Neuen Ökonomie, Silicon Valley, ausgewählt?

Kaufman: Wir wollten der Propaganda über die modernen, kreativen Arbeitsplätze im Sektor der Neuen Ökonomie die Realität entgegensetzen. Schließlich existiert der Mythos, daß es dort gar keine Fabrikarbeit mehr gibt. Diese Arbeiter sind also unsichtbar.

Snitow: Silicon Valley hat den höchsten Anteil an Zeitarbeitern unter den Beschäftigten im Industriebereich der USA. Mittlerweile haben die Zeitarbeitsverhältnisse auf sämtliche Branchen übergegriffen. Doch die Verhältnisse in den USA machen deutlich, daß Zeitarbeit zu einer Bedrohung für die Arbeiter- und Gewerkschaftsrechte sowie den Lebensstandard der Beschäftigten ist.

F: Welche Botschaft kann ein Film über Arbeitsverhältnisse in den USA deutschen Zuschauern vermitteln?

Kaufman: Gerade während des aktuellen Streiks in der Metallindustrie spielt die Frage nach Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen und damit auch der Zeitarbeit eine starke Rolle. Auch wenn in Europa die Gewerkschaftsbewegung und die Sozialdemokratie wesentlich stärker sind als in den USA, hat die Propaganda für die Einführung dieser Arbeitsbedingungen auch in Europa enorm zugenommen. Es scheint so, als würde Europa mit dem Verweis auf die internationale Konkurrenz die Zeitarbeit jetzt als Wundermittel entdecken, wo in den USA zunehmend die Gefahren der Zeitarbeit in den Mittelpunkt rücken. Wir können also mit dem Film die Erfahrungen und Diskussionen in den USA in die Debatte hier einbringen.

F: Gibt es mittlerweile erste gewerkschaftliche Organisierungsversuche im Bereich der Neuen Ökonomie?

Snitow: Silicon Valley ist im Bereich der Elektronikindustrie noch immer eine total gewerkschaftsfreie Zone. Die zuständigen Gewerkschaften haben allerdings auch keine großen Initiativen gezeigt. Selbst, wenn die Arbeiter sich organisieren wollen, interessieren sie sich kaum dafür. Zudem ist unter den Beschäftigten die Angst vor Repressalien und dem Verlust des Arbeitsplatzes sehr groß. Daher war es für uns auch sehr schwierig, Menschen vor die Kamera zu bekommen. Raj Jayadev, der einen großen Part im Film hat, war für uns ein Glücksfall und auch eine Ausnahme.

Kaufman: Allerdings gab es in den letzten Jahren in einigen Gewerkschaften einen positiven Wandel. So werden dort Migranten unabhängig von ihrem rechtlichen Status als Gewerkschaftsmitglieder akzeptiert. Allerdings sind die Gewerkschaftsvorstände noch nicht bereit, diese Minderheiten auch in leitenden Gremien zu akzeptieren. Zudem gibt es in dieser Hinsicht nach dem 11.September ein Rollback.

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