Neues Deutschland 28.11.02Mit anderem Profil auf Friedenssuche
Feministinnen wehren sich gegen die Militarisierung

Von Peter Nowak

Die Gewaltspirale im Nahen Osten dreht sich unablässig. Für die 1998
gegründete Organisation »New Profile« ist der patriarchale Politikansatz, politische
und soziale Probleme mit Gewalt zu lösen, die Wurzel des Übels.
Die Nachrichten aus dem Nahen Osten klingen mittlerweile altvertraut.
Palästinensische Selbstmordanschläge und israelische Vergeltungsschläge wechseln
einander ab und zerstören jede Hoffnung auf eine dauerhafte Verständigung.
»Politische oder soziale Probleme werden mit militärischen Mitteln gelöst. Das
ist ein typisch patriarchaler Politikansatz«, meint Haggith Gor Ziv. Die
Mitbegründerin der feministischen Organisation »New Profile« stellte kürzlich auf
Einladung des Arbeitskreises Nahost Berlin ihren Gegenentwurf vor.
Die Besonderheit der 1998 gegründeten Organisation ist ihr feministischer
Ansatz. Allerdings sind rund ein Drittel der etwa 60 Mitglieder Männer. »Für
uns ist feministische Politik nicht an das biologische Geschlecht gebunden.
Auch Männer können profeministische und umgekehrt Frauen patriarchale Politik
machen«, erläutert Gor Ziv. Mit mehr als 20 weiteren Frauengruppen, darunter
der Initiative Frauen in Schwarz und der Frauenorganisation der Kommunistischen
Partei, hat sich »New Profile« zur »Frauenkoordination für den Frieden«
zusammengeschlossen. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist ein Ende der Besetzung sowie
zunehmend der Kampf gegen einen Krieg gegen Irak.
Den Aktivistinnen ist klar, dass sie mit ihrer Position in Israel derzeit
isoliert sind. Doch die Arbeit von »New Profile« hat weitergehende Ziele: »Wir
sind eine Bewegung für die Zivilisierung der israelischen Gesellschaft.«
Diese Parole auf der Startseite ihrer Homepage ist die Grundlage der Arbeit von
»New Profile«. Es geht um die Zurückdrängung des Militarismus in der
israelischen Gesellschaft, für den Gor Ziv zahlreiche Beispiele nennt. So würden schon
in den Schulen die Kinder auf den Militärdienst vorbereitet. Auch der
Wechsel zahlreicher pensionierter Militärs in die Politik zeige, dass die Position
im Militär über die Stellung in der zivilen Gesellschaft entscheidet.
Leidtragende sind die Frauen. Wegen ihrer niedrigen Stellung in der Armee
bleiben ihnen auch im zivilen Leben viele Türen verschlossen. Studien belegen,
dass die Frauen in der israelischen Armee untergeordnete Tätigkeiten
verrichten müssen und nicht selten sexuellen Übergriffen von männlichen Rekruten
ausgesetzt sind. Doch es ist nicht nur der auch im Ausland weit verbreitete
Mythos von der Gleichberechtigung der Geschlechter in der israelischen Armee,
gegen den feministische Organisationen wie »New Profile« ankämpfen. Zugleich
unterstützt die Organisation Kriegsdienstverweigerer, die in der israelischen
Gesellschaft stigmatisiert werden.
Im In- und Ausland werden die Feministinnen immer wieder der Einseitigkeit
bezichtigt. Warum prangern sie die patriarchalen Strukturen in Palästina nicht
genauso an wie die in Israel? Gor Ziv hat darauf eine eindeutige Antwort:
»Ich will die Gesellschaft verändern, in der ich lebe, und das ist die
israelische.« Frauenorganisationen in Palästina würden von »New Profile« unterstützt,
aber die feministische Arbeit müssten sie selber bewerk-
stelligen. In letzter Zeit werden zumindest im deutschsprachigen Raum
Aktivisten wie Haggith Gor Ziv oft gefragt, ob sie mit ihrer Arbeit nicht den
Feinden Israels in die Hände arbeiten würden und sich womöglich an einer neuen
Judenvernichtung mitschuldig machen könnten. Diesen Vorwurf kennt die Frau auch
aus Israel. Schon bei der Gründung der Organisation demonstrierten Israelis
mit der Losung »Hätten wir damals Staat und Armee gehabt, hätte es keinen
Holocaust gegeben.« Wie viele andere Aktivisten in Israel ist Gor Ziv selbst ein
Kind von Shoah-Überlebenden, die nach dem 2.Weltkrieg nach Israel
auswanderten. Es sind diese Erfahrungen, die sie in ihrer politischen Arbeit motivieren.
»Die Rechten sagen, nach Auschwitz muss alles getan werden, damit den Juden
so etwas nie wieder geschieht. Wir sagen, es muss alles getan werden, dass es
keinem Menschen irgendwo auf der Welt wieder geschieht.«

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