Neues Deutschland vom 12.2.02Kein Maulkorb für Psychiatriekritiker
Genetiker muss sich Auseinandersetzung stellen

Auf der Homepage des Berliner Landesverbands der Psychiatrieerfahrenen wird
weiterhin pointierte Kritik an genetischen Forschungen zu lesen sein. Ein
dagegen gerichtetes Strafverfahren ist geplatzt.

Der Direktor des Instituts für Humangenetik und Mitglied des nationalen
Ethikrates Prof. Peter Propping hatte es angestrengt. Er fühlte sich durch die
Kritik auf der Homepage beleidigt und in die Nähe des Faschismus gerückt und
erstattete Anzeige wegen das Mitglied der Psyatrieerfahrenen René Talbot.


"Wir haben Wichtigeres zu tun" begründete ein intellektuell sichtlich
überforderter Staatsanwalt seinen Antrag auf Verfahrenseinstellung. Schon bei der
Anklageverlesung war er mehrmals ins Stocken gekommen. Der Richter mußte ihm
durch das Soufflieren der wissenschaftlichen Fachbegriffe weiterhelfen. In
der Zeitweilig erinnerte das Verfahren stellenweise eine
Universitätsvorlesung. Talbot verteidigte den inkriminierten Text im Internet offensiv und mit
wissenschaftlicher Schärfe. Er verlas Auszüge aus dem Selbstverständnis des
Landesverbandes der Psychiatrieerfahrenen, wozu neben dem Eintreten für eine
gewaltfreie Psychiatrie auch die Abschaffung der Zwangsberatung und
Zwangsbehandlungen gehöre. Ausführlich ging er auf die wissenschaftliche Arbeit des
Klägers ein. Propping mache psychische Krankheiten an körperlichen Merkmale,
mentalen Verhalten und den Genen fest.
So biete er auf psychiatrischen Kongressen Chromosomen-Workshops an. Doch
nicht nur die theoretische Arbeit von Propping wurde von Talbot heftig
kritisiert.
Auf der Suche der verdächtigen Gene werden von Propping und seinem Institut
Blutproben von Psychiatriepatienten entnommen. Für die Psychiatrieerfahrenen
handelt es sich dabei um einen Verstoss gegen die informelle Selbstbestimmung
der Klinikinsassen. Mit dieser Begründung forderten sie in einem Offenen
Brief an Bundeskanzler Schröder und Bundespräsident Rau schon vor Monaten
vergeblich die Abberufung von Propping aus dem Ethikrat.
Talbots Verteidiger Ziegler erklärte in einem kurzen Plädoyer, dass sich
Propping der politischen Kritik der von seinem Forschungen Betroffenen stellen
müsse. Das Gericht gab ihm durch die beschlossene Verfhrenseinstellung Recht.
Peter Nowak

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