Frankfurter Rundschau 1.6.02 Universität entschuldigt sich für "Generalplan-Ost"

now BERLIN, 31. Mai. Die Berliner Humboldt-Universität und ihre
Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät haben sich offiziell für eines der dunkelsten
Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte entschuldigt: für die
wissenschaftliche Vorbereitung von NS-Verbrechen in den von den Nazis besetzten Gebieten
Osteuropas.

"Wir bitten öffentlich um Entschuldigung bei allen toten und noch lebenden
Opfern, denen der verbrecherische Generalplan-Ost und seine Folgen unendliches
Leid zugefügt haben und leisten dafür tief empfundene Abbitte", erklärte der
Dekan der Fakultät, Uwe Jens Nagel, bei einem Festakt in der Universität.
Nagel bezog sich auf eine 64-seitige Studie mit dem unverfänglichen Titel
"Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des Ostaufbaus", die der
damalige Direktor des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik, Konrad Meyer,
am 28. Mai 1942 SS-Reichsführer Heinrich Himmler vorgestellt hatte. Die Studie
wurde bald als Generalplan-Ost bekannt und bereitete den Boden für die
Zwangsgermanisierung und die Vernichtung "rassisch unerwünschter" Menschen in
Osteuropa durch das NS-Regime. Auf bis zu 50 Millionen beziffern Historiker die
Zahl der Opfer.

Der Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, erinnerte an den
Rückhalt, den Meyer, der seine wissenschaftliche Laufbahn nach dem Krieg
fortsetzte, unter seinen Kollegen hatte. Deswegen übernehme die Humboldt-Universität
insgesamt Verantwortung. Studentenvertreter Helge Swars begrüßte die
Entschuldigung und verwarf "den Mythos von der Neutralität der Wissenschaft".

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