TAZ vom 7.12.02 Jürgen Elsässer und Konkret

von PETER NOWAK

Wenn im Herbst 2002 Redakteure entlassen werden, muss meistens die
Werbekrise als Erklärung herhalten. Bei Konkret ist das anders: Am Donnerstag wurde
Jürgen Elsässer gefeuert - der seit langem schwelende Streit um die politische
Richtung des Linksblattes, vor allem mit Blick auf die Irak-Politik der USA,
ist endgültig eskaliert. Schließlich war Elsässer neben Konkret-Herausgeber
Hermann L. Gremliza in den letzten Jahren das bekannteste Gesicht des
Hamburger Magazins für "Politik und Kultur".

Politische Richtungswechsel sind bei Konkret keine Seltenheit: In den
60er-Jahren hatte sich das Blatt vor allem wegen der Beiträge von Ulrike Meinhof in
der damaligen Linken großes Ansehen erworben. Das änderte sich gegen Ende
des Jahrzehnts, als der damalige Herausgeber Klaus-Rainer Röhl statt auf
politischer Inhalte auf Titelbilder mit nackten Frauen setzte. Erst Gremliza gelang
die Repolitisierung - zunächst auf einer linkssozialdemokratischen
Grundlage. Zu den Konkret-Mitarbeitern gehörten in jenen Jahren neben Udo Lindenberg,
Wolf Biermann und dem heutigen Spiegel-Chef Stefan Aust auch der damalige
SPD-Landeschef von Schleswig-Holstein.

Die Wiedervereinigung Deutschlands und der erste Golfkrieg führten dann um
die Jahreswende 1990/91 zur nächsten politischen Umorientierung. Radikale
Kritik an Deutschland und die Auseinandersetzung mit dem wiedererstarkenden
Antisemitismus rückten in den Mittelpunkt. Neben Gremliza stand Elsässer zunächst
als ständiger Mitarbeiter und ab April 1999 als Politikredakteur für diese
Linie.

Doch in den letzten Monaten war es mit der antideutschen Einheitsfront
vorbei. Der Streit entzündete sich an der Irak-Frage. Während Elsässer entschieden
einen Militärschlag ablehnte und die Politik der USA vehement kritisierte,
sprachen sich andere Konkret-Autoren ebenso deutlich für einen Sturz des
irakischen Regimes aus - zur Not auch mit Hilfe der USA.

Harte Worte

"Was jetzt zum Bruch in der Konkret-Redaktion führte, entzweit viele andere
Zeitschriftenredaktionen, Antifa-Gruppen und selbst private Freundeskreise";
schreibt Elsässer in einer längeren Erklärung in der heutigen Ausgabe der
Jungen Welt zu den Hintergründen seiner Entlassung. Er kritisiert die zunehmende
Begeisterung für die Politik der US-Regierung in der Irak-Frage in
antideutschen Kreisen. Mit einem Verzicht auf den Antimilitarismus würde sich die
Linke selbst aufgeben, so Elsässer. Unter der Überschrift "Kriegslügen von links"
nennt er Beispiele, wie die realen Verbrechen des irakischen Regimes ins
Monströse aufgebauscht werden, um Gründe für einen Irakkrieg zu liefern. "Die
Gräuel der westlichen Politik werden verharmlost, die des überfallenen Landes
inflationiert. Diese Methode ist aus dem Jugoslawienkrieg bekannt."

Ob Konkret die bislang im Blatt praktizierte linke Pluralität nach dieser
Entlassung beibehält, wird sich zeigen. Die Redaktion will erst am Montag eine
Stellungnahme abgehen.

Dass Elsässers Text in der Jungen Welt steht, entbehrt nicht einer gewissen
Ironie: Hier war er 1997 stellvertretender Chefredakteur. Dann spaltete sich
die Redaktion - hauptsächlich wegen unterschiedlicher Auffassungen zur
Politik des Staates Israels. Elsässer gehörte damals zu den Mitbegründern der
Jungle World.

Und auch dort deutet sich ein Richtungsstreit an. "Wir, als Autoren und
Leser der Jungle World, wollen wissen, ob dieses weiterhin ,unsere Zeitung' [..]
ist", heißt es in einem offenen Brief, der in der aktuellen Ausgabe
abgedruckt wird. Der Grund für den Streit: Ein mehrseitiges israelkritisches Dossier,
das die Jungle World vor drei Wochen veröffentlichte.

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