jungen Welt vom 11.06.2002 Roma als Spielball deutscher Politik?
Berliner Proteste gegen Abschiebung: Roma als Spielball deutscher Politik?
jW fragte Dzoni Sichelschmidt, Sprecher des Centre of Integration, Affirmation, and Emanzipation of the Roma in Germany (Zentrum für die Integration, Anerkennung und Befreiung der Roma in Deutschland)
Interview: Peter Nowak

F: Was haben Roma nach einer Abschiebung nach Jugoslawien zu befürchten?

Sowohl in Serbien als auch in Montenegro ist es für Roma sehr gefährlich. Die Berichte, die wir von dort bekommen, sind besorgniserregend. Die Roma leben in kleinen Enklaven, können sich nicht frei bewegen und werden von der Polizei drangsaliert. Hinzu kommt noch, daß faschistische Gruppen die Roma attackieren. So tauchten Plakate mit der Parole »Zigeuner raus aus Montenegro« auf. In Serbien wurde vor wenigen Wochen ein jugendlicher Roma von Neonazis zu Tode geprügelt.

F: Welche Rolle spielt die serbische Regierung bei der Verfolgung der Roma?

Die Regierung verkündet, daß es keine Verfolgung der Roma in Serbien gebe, und verweist auf entsprechende Paragraphen in den Gesetzen, die Gleichberechtigung vorsehen. Doch was auf dem Papier steht, ist das eine und die Realität ist das andere. Die Diskriminierung hängt auch mit den großen sozialen Problemen zusammen, die Serbien mit den eigenen Binnenflüchtlingen aus Kroatien und dem Kosovo hat. Es handelt sich offiziell um etwa 700000 Menschen. Da stehen die Roma auf der untersten Stufe.

F: Wie ist die aktuelle Situation im Kosovo?

Die Albaner haben ihr Ziel erreicht. Rund 92 Prozent der Roma wurden in den letzten Jahren vertrieben oder sind geflohen. An der gefährlichen Situation für die Roma hat sich dort bis heute nichts geändert. Erst kürzlich wurde eine Gruppe von Roma, die in den Kosovo zurückgekehrt war, Opfer eines Granatenanschlages. 19 Menschen kamen dabei ums Leben. Wir haben haarsträubende Berichte über die Lage der wenigen noch im Kosovo wohnenden Roma. Zum Teil sind sie so arm, daß sie sich von verdorbenen Abfällen ernähren müssen.

F: Die Roma waren nach den Juden am stärksten von der Ausrottungspolitik der deutschen Faschisten betroffen. Gibt es da nicht auf deutscher Seite eine historische Verpflichtung für die Nachkommen?

Richtig. Roma und Sinti waren ebenso wie die Juden Opfer der mörderischen NS-Rassenpolitik. Doch leider haben wir keine starke Lobby. Daher werden die Roma einfach vergessen. Niemand zwingt die Regierung, ihrer historischen Verantwortung gerecht zu werden. Wenn Roma abgeschoben werden, beteiligt sich die Bundesregierung wieder an ihrer Verfolgung.

F: Warum ist den deutschen Behörden so sehr an der Abschiebung der Roma gelegen?

Nach offizieller Lesart hat Deutschland den Krieg gegen Jugoslawien für einen multikulturellen Kosovo geführt. Nun will man die Roma benutzen, um diese Fassade aufrechtzuerhalten. Doch der multikulturelle Kosovo ist eine bloße Fiktion.

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