jungen Welt vom 22.06.2002Kritiker kaltgestellt
Israel: Wissenschaftler soll wegen antizionistischer Position aus Uni gedrängt werden
Peter Nowak

Daß eine Gesellschaft im Krieg nicht nur nach außen, sondern auch im Innern die Freiheiten einschränkt, kann man zur Zeit in Israel beobachten. Während für Palästinenser in den besetzten Gebieten das Kriegsrecht gilt, gab es im israelischen Kernland eine parlamentarische Demokratie. Eine kleine Minderheit von Intellektuellen und Linken konnte auch ihre dezidiert antizionistischen Auffassungen äußern. Das könnte sich jetzt ändern. Im Zeichen des innerisraelischen Rechtsrucks und der Mobilisierung gegen die Palästinenser wird die Toleranz gegen Abweichler geringer.

Dies bekommt Dr. Ilan Pappe zur Zeit zu spüren. Dem Politikwissenschaftler von der Universität Haifa droht die Entfernung von seinem Lehrstuhl, weil er sich für die Freiheit der Wissenschaft eingesetzt hat. Er hatte sich als einziger Professor hinter den Studenten Theodor Katz gestellt, der im Jahr 2000 wegen seiner Magisterarbeit exmatrikuliert worden war. Katz hatte ein Massaker eines zionistischen Militärverbandes während der israelischen Staatsgründung im Jahr 1948 nachgewiesen. 200 arabische Zivilisten waren nach den Forschungen von Katz in dem arabischen Dorf Tantura ermordet worden. Die Universitätsstellen bestritten nicht den Wahrheitsgehalt der Forschungen, doch sie nannten die Studie von Katz gefährlich für den Staat. Katz und Pappe gehören zu den postzionistischen Historikern, die in den 80er und 90er Jahren darangingen, Gründungsmythen des Staates Israel in Frage zu stellen. Dazu gehörte die Vorstellung, daß Israel vor der zionistischen Besiedlung ein »Volk ohne Land« gewesen sei. Außerdem deckte die postzionistische Strömung zahlreiche israelische Massaker in der Gründungsphase des Staates Israel auf, die bis dahin als palästinensische Propaganda abgetan wurden.

Pappe wies 1994 einen weiteren Mythos der israelischen Staatsgründung zurück. Bisher lautete die israelische Lesart, daß Palästina durch die Ablehnung des UNO-Teilungsplans 1947/48 für die Entstehung des Nahostkonflikts selbst verantwortlich war. Pappe konnte nachweisen, daß der Plan von israelischer Seite mindestens genau so stark torpediert wurde.

Nach den Osloer Verträgen wurden postzionistische Sichtweisen in Israel immerhin angehört und kamen als Minderheitenpositionen sogar in israelische Schulbücher. Doch diese Toleranz ist jetzt offenbar zu Ende.

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