taz vom 21.1.2002Netz der Widersprüche
Linkes auf der Bremer Crossover-Konferenz
Am Wochenende trotteten erstaunlich viele mit Rucksäcken und Schlafsätzen
durch das Ostertor: TeilnehmerInnen des Crossover-Kongresses, zu dem
antirassistische Gruppen bundesweit nach Bremen eingeladen hatten. "Viele von uns sind
lange in politischen Zusammenhängen aktiv und unzufrieden ", begründet
Annette Schari von der Crossover-Vorbereitungsgruppe die Motivation, einen solchen
Kongress der undogmatischen Linken vorzubereiten. Als Beispiele nannte sie
rassistische und sexistische Untertöne, die auch im linken Spektrum an der
Tagesordung seien.

Rund 600 Besucher diskutierten diese Widersprüche in zahlreichen, meist
überfüllten Workshops. Schnelle Lösungen hatte wohl keiner erwartet - und auch
nicht bekommen. Ganz im Gegenteil: Viele der Veranstaltungen trugen zu weiterer
Verwirrung bei. Aber das kann ja auch produktiv sein. So stellte eine Gruppe
linker Wissenschaftlerinnen die Ergebnisse einer Studie vor, für die sie
durch die Greencard angeworbene ausländische Computerspezialisten befragt
hatten. In den Interviews stellten sich die Greencardler mehrheitlich als stolze
Arbeitsplatzbesitzer dar, die sich sicher sind, auch in Krisensituationen ihren
Job behalten zu können. Die oft in antirassistischen Kreisen anzutreffende
Opferperspektive versagte bei den "Betroffenen" völlig, meinten die
Forscherinnen.

In anderen Workshops ging es um das Verhältnis von Kolonialismus und
Rassismus und um die Frage, ob und wie eine antirassistische Praxis in Deutschland
überhaupt möglich ist. Arbeitsgruppen mit größerem Praxisbezug, beispielsweise
zu den neuen Sicherheitsgesetzen und den für Anfang Januar geplanten
Protesten gegen die Nato-Tagung in München, verzeichneten weit weniger Interesse.

So geriet der Kongress entgegen den Intentionen der Vorbereitungsgruppe
ziemlich akademisch. Die Crossover-Leute zogen dennoch ein positives Resümee. Die
Zahl der TeilnehmerInnen habe alle Erwartungen übertroffen und die
Veranstalter sogar vor Probleme gestellt, sagte Schari.

Hatte man ursprünglich für 150 Interessierte geplant, mußte man neue
Räumlichkeiten anmieten, als dann viermal so viele Teilnehmer eintrafen. "Das zeigt,
dass das Bedürfnis nach gemeinsamem Austausch gewachsen ist", meint Schari.
Auch Teilnehmer aus Polen, Holland und England hatten den Weg nach Bremen
gefunden.

Die Diskussion soll in der nächsten Zeit fortgesetzt werden. Gelegenheit
dazu wird es auf einem Nachbereitungstreffen in Berlin sowie auf dem
antirassistischen Grenzcamp im Sommer in Thüringen geben.

Peter Nowak

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]