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ND 03.01.02Chile: »Funas« gegen Folterer Menschenrechtler enthüllen mit fantasievollen Aktionen Diktatur-Verbrechen
Von Peter Nowak
Wie sehr die Ära Pinochet nachwirkt, zeigten die Parlamentswahlen im Dezember, bei der die dem Ex-Diktator nahe stehende Unabhängige Demokratische Union (UDI) zur stärksten Partei wurde. Viele Folterer sind noch in Amt und Würden. Mit öffentlichen Brandmarkungen werden sie von Menschenrechtlern bloßgestellt. Die laute und bunte Menschenansammlung erinnerte an einen Karnvealsumzug. Hunderte meist junge Menschen mit Musikinstrumenten, Trommeln und Rasseln bewegten sich zielstrebig auf eine Klinik am Rande der chilenischen Hauptstadt Santiago zu und drangen in das Gebäude ein. Anschließend rissen sie die Tür eines Ärzteraumes auf. Der erschrockene Mediziner flüchtete in eine Ecke des Raumes und hielt die Hände vor sein Gesicht. Aber keiner von den Eindringlingen krümmte ihm ein Haar. »Mörder, Mörder« riefen die eben noch so freundlichen Menschen. Der Arzt war ein bekannter Folterer aus der Pinochet-Ära und die Eindringlinge sind Mitglieder verschiedener chilenischer Menschenrechtsgruppen, die seine Vergangenheit an seiner Arbeitsstelle öffentlich machten. 1999, nach der Verhaftung Pinochets, begannen die ersten »Funas«. Mittlerweile finden sie regelmäßig in verschiedenen chilenischen Städten statt. Die Teilnehmerzahlen schwankten bisher zwischen 60 und 10 000. »Funar« ist ein chilenischer Slang-Begriff und heißt jemanden brandmarken oder - moderner - outen. Die Methode ist einfach, aber wirksam. Man geht zur Wohnung oder zur Arbeitsstelle eines Menschenrechtsverletzers und klärt die Kollegen oder Nachbarn über dessen Vergangenheit auf. Weil sich die Militärs in der von ihnen diktierten Verfassung selber amnestierten, wurde bis auf wenige Ausnahmen keiner der an den Verbrechen der Militärdiktatur Beteiligten für seine Taten gerichtlich zur Rechenschaft gezogen. Juristische Konsequenzen hingegen gab es schon nach den ersten Aktionen für die Funa-Aktivisten, denn der sozialdemokratische Präsident Carlos Lagos fürchtet um seine Politik der nationalen Versöhnung, wenn weiterhin ehemalige Folterer angeprangert werden. Zumal es sich bei den Geouteten nicht selten um Personen mit Einfluss im heutigen Chile handelt. Als die Vergangenheit eines noch aktiven Geheimdienstlers enttarnt wurde, ließ die Regierung Wasserwerfer auffahren und die Polizei löste die Kundgebung unter Schlagstockeinsatz auf. Das war erst der Beginn einer Repressionswelle gegen die junge Bewegung. »Im Juni 2001 wurden 93 Personen, im August 20 und im Oktober 36 Personen bei Funas festgenommen und zu einer Geldstrafe verurteilt« berichtet Isabel Oyanader von der »Comisión Funa«, wie der Dachverband der Organisatoren heißt. Dort bereiten mehr als 20 linke Organisationen, darunter Gewerkschaften und alle Parteien links von den regierenden Sozialdemokraten, die Aktionen vor. Isabel Oyanader berichtete gemeinsam mit den Funa-Aktivisten Alvaro Munoz kürzlich auf einer Rundreise durch verschiedene deutsche Städte über die wachsende Bewegung, die sich von der Repression nicht einschüchtern lassen will. Zumal sie in der Bevölkerung zunehmend Unterstützung findet. So musste ein geouteter Folterer auf Druck der Nachbarn nach einer Funa seine Wohnung verlassen. Auch die Aktion vor dem Krankenhaus hatte aus Sicht der Menschenrechtler positive Folgen. Gewerkschaftlich organisierte Klinikmitarbeiter organisierten daraufhin eine Aktionswoche für Menschenrechte, wo auch die Biografie des enttarnten Folterers zur Sprache kam. Diese gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Diktatur und nicht die juristische Aburteilung sind denn auch das primäre Ziel der meist sehr jungen Funa-Aktivisten. Viele von ihnen wurden in der Spätphase oder erst nach dem Ende der Pinochet-Ära geboren. »Diese Jugendlichen sind nicht bereit, sich mit den Lügen der Vergangenheit abzufinden«, so Isabel Oyanader. |