jungen Welt vom 04.07.2002Rechtsanwältin auf der Anklagebank
US-Anwältin Lynne Stewart verteidigt »ungeliebte Gefangene«. Jetzt droht ihr selbst hohe Gefängnisstrafe
Peter Nowak

Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September nimmt man es in den USA mit den Menschenrechten nicht mehr so genau. Über 1000 Menschen wurden unter dem vagen Vorwurf des Terrorismus inhaftiert, und auch ihren Anwälten geht es jetzt an den Kragen. So wird demnächst die New Yorker Rechtsanwältin Lynne Stewart wegen Beihilfe zur Verschwörung vor Gericht stehen. Am 9. Februar wurde ihre Kanzlei durchsucht. Stewart wurde in Untersuchungshaft genommen. Bis zum Prozeß, der für Ende August terminiert ist, wurde sie gegen eine Kaution von 500000 Dollar auf freien Fuß gesetzt. Sollte sie schuldig gesprochen werden, drohen ihr bis zu 40 Jahre Haft. »Was in den 70ern ein gewisser Anwalt Schily für die RAF war, ist Lynne Stewart für unbeliebte Angeklagte in New York City«, heißt es in einem Beitrag im Internetmagazin Telepolis. Nur mit einem Unterschied: Lynne Stewart hat auch im Alter keine Sehnsucht nach warmen Regierungssesseln.

Die 63jähige Juristin, die in den vergangenen Jahren Anwältin von gefangenen Black-Panther-Aktivisten und militanten Apartheidgegnern war, hatte auch die Verteidigung des aktuellen US-Staatsfeinds Nummer 1, des blinden Scheich Abdel Rahman übernommen. Er sitzt seit 1995 im Gefängnis und wird beschuldigt, für den Anschlag auf das World Trade Center (WTC) im Jahre 1993 verantwortlich zu sein. Außerdem wird ihm die Planung weiterer Attentate gegen ägyptische Regierungspolitiker zur Last gelegt. Stewart wurde beschuldigt, bei einem Anwaltsbesuch die Wärter abgelenkt zu haben, so daß es ihrem Mandanten möglich war, mit dem Dolmetscher Internas über die islamische Terrorszene auszutauschen.

Wie sie das allerdings bewerkstelligt haben soll, bleibt offen. Stewart erklärte zur Anklage mit unverkennbarer Ironie: »Die Wächter können kein Arabisch, und sie waren auch gar nicht im Zimmer. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ich sie überhaupt hätte ablenken können. Ich bin eine 63jährige Dame, die nicht etwa ihren Rock hochgehoben hat oder ähnliches, um die Herren abzulenken. Die ganze Sache finde ich absurd.« Stewart weist nicht nur die Anklagepunkte zurück, sondern klagt ihrerseits die Bush-Regierung und besonders den gegenwärtigen Justizminister der Vereinigten Staaten, John Ashcroft, an. »Ich glaube, die USA sind momentan in Gefahr, und zwar deshalb, weil die Bürger nach dem 11.9. der Überzeugung sind, daß sie auf gewisse Freiheiten verzichten müssen. Ich bin da ganz anderer Meinung. Ich glaube, wir werden selbst zu unseren eigenen schlimmsten Feinden, wenn wir diesen Weg gehen. Ashcroft muß also besiegt werden, aber von Menschen, die ihm klarmachen, daß so etwas nicht toleriert wird. Unsere Freiheiten müssen wieder gewährt werden«, erklärte sie in einem Interview mit dem Journalisten Craig Morris. Mittlerweile fragen auch manche führenden US-Zeitungen, ob die Regierung nicht mit der Anklage gegen die Anwältin grundlegende Rechte verletzt. Eine internationale Solidaritätskampagne unter dem Titel »Gerechtigkeit für Lynne Stewart« wurde gestartet. Die US-Unterstützer mobilisieren zum Prozeßbeginn am 29. August und sammeln auch per Internet Solidaritätsunterschriften.

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