jungen Welt vom 03.07.2002Der Stahlhelm-Fraktionär
Zum Tod von Alfred Dregger, der nicht nur für die Freilassung verurteilter Nazi-Kriegsverbrecher kämpfte
Peter Nowak

»Wenn erst mal in Fulda rote Fahnen wehen, hat die Revolution in ganz Deutschland gesiegt.« Diese Aussage wird dem SPD-Mitbegründer August Bebel zugeschrieben. Sie ist über 100 Jahre alt. Die kleine linke Szene der osthessischen Stadt Fulda aber zitiert sie immer noch gern.

Fulda wird gemeinhin mit den Namen zweier Männer aus dem entgegengesetzten politischen Lager verbunden: dem vor zwei Jahren verstorbenen ehemaligen Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba und dem langjährigen CDU-Oberbürgermeister der Stadt, Alfred Dregger, der am Samstag abend im Alter von 81 Jahren starb. Beide Männer einte ihre Feindschaft gegen Linke, ihre Abneigung gegen Schwule und Lesben sowie ihre Hochschätzung der Deutschen Nation und ihres Heers. Beide hatten daher selbstverständlich auch keine Berührungsängste gegenüber der extremen Rechten.

Trotzdem hielten sich nach Dreggers Tod fast alle Zeitungen an das ungeschriebene Gesetz, über Tote solle man nur Gutes sagen. Lediglich auf den Lokalseiten der Frankfurter Rundschau wurde an Dreggers Rolle als »Leuchtturm der Rechten« und seine Kontakte zu Rechtsaußen-Vertretern erinnert. Bekannt ist Dreggers Rolle als ewiger Wehrmachtsoffizier, für den der Kampf gegen den Bolschewismus auch nach 1945 nicht beendet war. 1976 erfand er den 1990 wiederbelebten Wahlkampfslogan der Union »Freiheit statt Sozialismus«. In den 70er Jahren war er ein vehementer Befürworter eines Verbots der DKP. Als daraufhin örtliche Parteifunktionäre eine öffentliche Diskussion auf Fuldas größtem Platz forderten, erklärte Dregger, dem würde er erst zustimmen, wenn er auch in Erfurt oder Gera seine Thesen öffentlich verkünden könne. Dieser Wunsch ging für den hessischen CDU-Politiker (Landesvorsitzender 1967–1982) und Bundestagsabgeordneten (1972–1998) bekanntlich noch in Erfüllung.

Das Ende der DDR war für den damaligen Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundesfraktion (1982–1991) und seinesgleichen wie eine Zurücknahme des 8. Mai 1945, den Dregger als »Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg« und »Sowjetisierung Mitteldeutschlands« bezeichnete. So war es nur konsequent, daß er gemeinsam mit bekannten Alt- und Neurechten um den 8.Mai 1995 den revanchistischen Aufruf »Gegen das Vergessen« mit unterzeichnete. Das war nicht sein einziger Schulterschluß mit der offen rechten Szene. So steuerte er einen Text zu einem Buch mit dem programmatischen Titel »Der Völkermord an den Deutschen – 50 Jahre Vertreibung« bei. Weitere Autoren dieses von der Nationalzeitung beworbenen Buches sind Jörg Haider (FPÖ), Gerhard Frey (DVU) und der ehemalige Vorsitzende der Republikaner, Franz Schönhuber.

Der Einsatz für die Freilassung deutscher Kriegsverbrecher gehörte zu Dreggers Steckenpferden. So machte er sich Ende der 80er Jahre für die Freilassung des SS-Hauptsturmführers Ferdinand Hugo aus der Fünten stark, der für die Deportation von mehr als 100000 Juden aus den Niederlanden verantwortlich gemacht wurde. Auch der berüchtigte SS-Sturmbannführer Franz Fischer sollte nach Meinung Dreggers auf freien Fuß gesetzt werden. Keine Frage, daß er auch zur »Stillen Hilfe«, einer der ältesten rechtsextremen Vereinigungen, gute Kontakte hatte. Auf die deutsche Wehrmacht ließ Dregger selbstverständlich nichts kommen. Er gehörte zu den entschiedensten Gegnern der Wanderausstellung »Die Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944«, die er einen Angriff auf Deutschland nannte.

Seine ganze Verachtung zeigte Dregger hingegen Armen und sozial Schwachen. So war Fulda unter seiner Regentschaft eine der ersten Städte, in denen Sozialhilfeempfänger zu sogenannter gemeinnütziger Arbeit mit einen Stundenlohn von unter zwei DM herangezogen wurden. Die Illustrierte Stern deckte in den 70er Jahren auf, daß selbst der Garten von Dreggers Luxusvilla in Fulda auf diese Weise in Ordnung gehalten wurde.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]