jungen Welt vom 06.09.2002Im Wasserglas
Noch 16 Tage bis zur Bundestagswahl: Bitte keine 68er-Bilanzen mehr!
Peter Nowak

Die Debatte um die 68er-Bewegung ist endlos. Ohne irgendwelche Jubilaeen hagelt es Veroeffentlichungen. Die heissen dann so wie dieses Buch ">Die Phantasie an die Macht?< 1968 - Versuch einer Bilanz". Sein eigentlicher Anlass ist laengst wieder aus der oeffentlichen Debatte verschwunden. Im Fruehjahr 2001 sah es kurzzeitig nach dem Beginn einer Art 68er-Bashing aus. Bundesaussenminister Joseph Fischer und der Umweltminister Juergen Trittin wurden noch einmal in Medien und im Parlament mit ihrer linken Vergangenheit konfrontiert. Der eine wegen einer Pruegelei mit Polizisten, der andere wegen der Mitgliedschaft im Goettinger AStA zu einer Zeit, als sich die Studentenvertretung nicht von dem Mescalero-Aufruf distanzieren wollte, von dem fast jeder nur noch zwei Woerter kennt. Statt zur grossen Abrechung kam es aber nur zum Sturm im Wasserglas. Als der noch toste, versammelten sich zahlreiche Weggefaehrten der Minister zu einer Verteidigungsfront, mit der sie nicht nur die SPD/Gruenen-Regierung, sondern auch ihre eigene Biographie retten wollten. Das Buch gehoerte zu diesen Projekten, wie man 1968 wohl gesagt haette.

Es ist vor allem deshalb ueberholt, weil es den Grund nicht erwaehnt, der den gewendeten 68ern ihre Aemter rettete: Selbst der verbohrteste Konservative hat mitbekommen, dass niemand mit solcher moralischer Verve die deutsche Geschichte in Anschlag bringen kann, um deutsche Soldaten wieder in alle Welt zu schicken, wie die Alt-68er. Dass in diesem Band die 68er als Kriegspartei ausgeblendet wurden, ist unverzeihlich. Statt dessen behauptet der Politologe Fritz Vilmar allen Ernstes, der radikale Teil der Studentenbewegung sei fuer die Machtuebernahme von Helmut Kohl mitverantwortlich. Hat dem Mann niemand gesagt, dass waehrend des sogenannten Deutschen Herbstes, als der militante Teil der 68er vom Staat zerschlagen wurde, die sozialliberale Koalition unangefochten regierte? Doch um nicht ungerecht zu sein: Es gibt in dem Buch einige lesenswerte Beitraege. Dazu zaehlt Cornelia Bruecks anregende Kurzstudie ueber das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) und dessen Zerschlagung. Ihr Beitrag ist schon deshalb eine Fundgrube, weil einem sonst nur mediale Hetze oder esoterische Verschrobenheit der selbsternannten SPK-Erben zu diesem Thema begegnen. Auch Alfred Krovozos Untersuchung der "Rolle von Psychologie und Psychoanalyse in der antiautoritaeren Protestbewegung" ist mit Gewinn zu lesen. So schreibt er ueber den Boom von Kinder-, Stadtteil-, und Gesundheitslaeden, der nach dem Ende der Revolte begann: "Dieser Pluralismus von politischen Aktionsformen und gesellschaftlichen Aktionsraeumen, die von reformistischer Praxis fast nur noch durch eine Rhetorik der Radikalitaet getrennt war, bezeugt ... auch einen tiefen Pessimismus gegenueber dem theoretisch garantierten Ziel des historischen Prozesses, einer aus dieser Theorie entnehmbaren Strategie des Handelns und der Moeglichkeit der Identifizierung des sozialen Traegers der Veraenderung ...". Die Radikalitaet wurde auch in der Rhetorik bald ueber Bord geworfen. Aus vielen Stadtteil- und Kinderladen-Aktivisten wurden Anfang der 80er Jahre gruene Mandatstraeger. Hier haette eine kritische Bilanz der 68er-Bewegung ansetzen muessen. Peter Nowak

* Richard Faber/Erhard Stoelting (Hg.): "Die Phantasie an die Macht?" 1968 - Versuch einer Bilanz. Philo-Verlag, Berlin 2002, 312 S., 24,50 Euro

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