jungen Welt vom 02.03.2002Nach 500 Tagen Hungerstreik noch kein Ende in Sicht?

Hungerstreik politischer Häftlinge in der Türkei
Alexander Eichner besuchte kürzlich mit dem Komitee gegen Isolationshaft die Türkei. Seit annähernd 500 Tagen dauert dort inzwischen der Hungerstreik politischer Gefangener an, die sich gegen die Verlegung in Hochsicherheitsgefängnisse wehren
Interview: Peter Nowak

F: Wie ist die Lage der Hungerstreikenden?

Die Situation in den Gefängnissen ist nach wie vor unverändert. Zur Zeit befinden sich über 140 Menschen im Todesfasten, hinzu kommen weitere Hungerstreikende. 85 Todesfastende sind bereits gestorben und etwa 300 wurden durch Zwangsernährung verkrüppelt.

F: Es heißt, außerhalb der Gefängnisse wäre das Todesfasten abgebrochen worden?

Von einem Abbruch des Todesfastens kann nicht gesprochen werden. Es ist momentan aufgrund der extremen Repression nicht möglich, draußen das Todesfasten fortzuführen. Das heißt aber nicht, daß es nicht versucht würde.

F: Wie sieht die Repression aus?

Es werden Bücher und Musikkassetten verboten, die das Todesfasten zum Thema haben. Ahmed Kukaksiz, dem Vater von zwei im Todesfasten gestorbenen Frauen, droht jetzt eine sechsjährige Haftstrafe, weil er ein Buch mit Titel »Canan und Fehra« über den Widerstand seiner Töchter geschrieben hat. Kürzlich wurde sogar ein Todesurteil gegen einen politischen Gefangenen verhängt, und zwar gegen Yunus Güzel.

F: Die Initiative »Drei Türen – Drei Schlösser« soll zur Lösung des Konflikts beitragen. Was ist der Inhalt dieses Vorschlags?

»Drei Türen – Drei Schlösser« bedeutet, die Schlösser der Türen von je drei Dreierzellen zu entfernen, damit neun Gefangene miteinander kommunizieren können. Die Anwaltskammer BARO hatte diesen Vorschlag gemacht. Er wird von einem breiten Bündnis getragen, vom Menschenrechtsverein IHD, von Künstlern, Intellektuellen, der Ärztekammer, von Parlamentariern. Die Beteiligten gehen mit verschiedenen Aktionen an die Öffentlichkeit.

F: Wie reagieren die Gefangenen auf diese Initiative?

Die Gefangenen begrüßen sie, weil damit Öffentlichkeit für das Todesfasten geschaffen und ein Ausweg in der Gefangenenfrage gesucht wird. Ihre Forderung ist aber nach wie vor die Abschaffung der Isolationshaft.

F: Gibt es Anzeichen, daß sich der Staat darauf einläßt?

Der türkische Justizminister Sami Türk lehnt den Vorschlag bisher vehement ab. Das zeigt, daß das eigentliche Ziel, das die Regierung mit der Isolationshaft verfolgt, das Brechen der Gefangenen ist. Die Sicherheitsbedenken, die die Regierung vorbringt, sind nur vorgeschoben.

F: Ist absehbar, wie lange das Todesfasten noch andauern soll?

Die Auswirkungen der Isolationshaft bewirken, daß die Gefangenen ihren Kampf nicht aufgeben werden.

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