jungen Welt vom 07.08.2002Die Grenzen der Kunst
Ein antirassistisches Kunstprojekt war bei der 11. Documenta in Kassel unerwuenscht
Peter Nowak

Der 11. Documenta in Kassel wird allgemein bescheinigt, dass sie sich verstaerkt gesellschaftlichen Themen zugewandt haette. Das rund 20koepfige Team der oesterreichischen Volxtheaterkarawane (VTK) hat in der letzten Woche in Kassel allerdings die Grenzen der Kunst erfahren. Die Strassenkuenstler haben am vergangenen Wochenende mit ihrem 24stuendigen Theater- und Medienprojekt "noborder-ZONE" auf dem Kasseler Friedrichsplatz in unmittelbarer Naehe zu den Documenta-Hallen viel Aufsehen erregt und zu lebhaften Diskussionen Anlass gegeben. Schliesslich waren sie mit ihrem weissen Bus mit der Aufschrift "Volxtheaterkarawane" auch nicht zu uebersehen. Davor ein Planschbecken, einige Gummibaeume, Plastikschirme und Liegestuehle. Nur die Personen in weissen Overalls mit den undefinierbaren elektronischen Geraeten passten fuer die Passanten nicht so recht ins Bild der inszenierten perfekten Urlaubsidylle. Die gesamte Installation war Teil einer Performance, mit der die Kuenstler auf die zunehmende Einschraenkung der Bewegungsfreiheit fuer Fluechtlinge im europaeischen Raum hinweisen wollten.

"Wir wollten in Kassel die Verbindung von politischen und kuenstlerischen Praxen herstellen", erklaerte eine Strassenkuenstlerin. Sie verwies darauf, dass die VTK als "nomadisches Theater- und Medienprojekt" Teil der documenta-Plattform 1 im letzten Jahr in Wien war. Gleichzeitig war die selbstorganisierte Freiluft-Kunsteinlage ein Protest gegen die zwangsweise Unterbindung einer aehnlichen Kulturaktion durch die Documenta-Leitung Ende Juli. "Der Sicherheitschef der Documenta hat uns mit der Begruendung, die Aktion sei nicht genehmigt und stelle eine Sicherheitsgefaehrdung dar, zum sofortigen Verlassen des Platzes aufgefordert", erklaerte eine VTK-Aktivistin. "Da uns mit gewaltsamer Raeumung, Festnahme und Beschlagnahme des Medienbusses gedroht wurde, sahen wir uns gezwungen, den Platz zu verlassen." Viele documenta-Besucher und -Mitarbeiter hatten sich spontan mit der Karawane solidarisiert. "Josef Beuys wuerde sich im Grabe umdrehen. Schliesslich gehoerten fuer ihn ziviler Ungehorsam und die Besetzung von oeffentlichen Raeumen zu den Essentials seiner Arbeit", meinte ein wuetender Besucher.

Die VTK-Aktivistin verwies darauf, dass ihre engagierte Kunst schon oft ins Visier der Polizei geriet. So ist die Theaterkarawane im letzten Jahr waehrend der Antiglobalisierungsproteste in Genua festgenommen worden. Erst nach mehr als drei Wochen und einer internationalen Solidaritaetskampagne kamen die Kuenstler frei. "Dass aber ein Projekt wie die Documenta, die sich eigentlich gesellschaftlichen Themen widmet, ebenso repressiv reagiert, hat uns doch ueberrascht", sagte einer der an dem Projekt beteiligten Kuenstler.

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