Standorteigene Zwischenlager für Atommüll in der Kritik

“Die Glaubwürdigkeit dieser Regierung wird nicht von einzelnen Atomtransporten abhängen, sondern davon, ob es der Regierung gelingt, klarzumachen, daß neue Zwischenlager nicht dem unbefristeten Weiterbetrieb dienen, sondern ein Schritt zum Ausstieg sind”; erklärte Bundesumweltminister Jürgen Trittin vor einigen Monaten. Im Umkreis des Atomkraftwerks Lingen in Emsland zumindest ist das bisher nicht so recht gelungen. Bisher galt die Mehrheit der Bevölkerung nicht als besonders protestfreudig. Doch seit bekannt wurde, daß in Lingen das bundesweit erste standorteigene Zwischenlager für atomare Abfälle in einem noch aktiven AKW errichtet werden soll, machen auch dort die Kernkraftgegner mobil. 

 Im Dezember 1998 stellte die Kernkraft Lippe Ems GmbH beim zuständigen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Genehmigung für den Bau einer Castorhalle auf dem Gelände des AKW Lingen. Sofort gründeten Anwohner die Bürgerinitiative “Keine Castorhalle in Lingen” und sammelten Einwendungsunterschriften.  “Die Resonanz war erstaunlich groß”, freute sich Stefan Mathujssen von der BI. Ein Argument machte nicht nur erklärte AKW-Gegner stutzig. In der in geplanten Halle sollen 130 Castoren des größtmöglichen Behältertyps Platz finden. Damit könnte in Lingen Atommüll aus 50 Jahren Reaktorbetrieb gelagert werden. Jetzt fürchten nicht nur Atomkraftgegner, daß sich die AKW-Betreiber mit der reaktoreigenen Lagerung eine längere Betriebsdauer verschaffen könnten. “Solange kein definitiver Ausstiegsbeschluss vorliegt, dient jedes neue Zwischenlager dem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke und wir setzten uns dagegen zur Wehr; erklärt Mathujssen.    

Doch längst durchaus nicht alle AKW-Gegner äußern sich so entschieden. Gerade die Grünen haben große Schwierigkeiten mit den Protesten in Lingen. Schließlich wird ja die kraftwerkseigene Zwischenlagerung von Atommüll von ihrer Partei schon länger propagiert. “Mit ihrem Vorhaben, im emsländischen Lingen ein Zwischenlager einzurichten, weisen die Dortmunder Vereinigten Elektrizitätswerke (VEW) den anderen den richtigen Weg. Unabhängig vom Ausgang der Energiekonsensverhandlungen wären deshalb alle AKW-Betreiber gut beraten, dem Beispiel der Dortmunder VEW zu folgen”; erklärte der Bundesvorstand der Bündnisgrünen in einer Presseerklärung. Auch die  bündnisgrüne Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen Bärbel Höhn äußert sich ähnlich. “Die Betreiberfirma gibt damit ein positives Beispiel, dem andere Stromkonzerne folgen sollten. Aus NRW-Sicht ist vor allem erfreulich, daß das Zwischenlager in Ahaus entlastet werden kann.” “Politik nach dem Sankt-Florians-Prinzip”, nennt Bernd Schmidt von der BI ‘Keine Castorhalle in Lingen’ diese Erklärung. “Bärbel Höhn will nur den Atommüll aus Nordrhein-Westfalen  raushalten. Dabei ist Lingen nur 60 km entfernt”.  

  Besonders schwer tun sich die Grünen vor Ort. “Wir können als Landespartei doch nicht unseren Bundesumweltminister in den Rücken fallen”; denken viele. Schließlich hat man sich im niedersächsischen Landesverband auf eine Kompromißlinie geeinigt.  Nicht die standorteigene Lagerung aber sehr wohl der Termin des Antrags und die Größe der Castorhalle in Lingen werden von der Umweltpartei abgelehnt.

     Die eigentliche Bewährungsprobe dürfte auch für die Grünen bald kommen. Am 30.September ist die Frist für die Einwendungen abgelaufen. Schon in den nächsten Wochen wird mit der Genehmigung der Halle durch die Stadt Lingen gerechnet. Noch im November könnte dann mit dem Bau begonnen werden. Die Bürgerinitiative will dann mit einem Aktionstag bundesweit zu Protesten nach Lingen mobilisieren. Unterstützung aus Gorleben und Ahaus  ist schon zugesagt. Geht das Kalkül der AKW-Gegner auf, würde so ein neuer Brennpunkt der Anti-AKW-Bewegung entstehen. Dabei hoffte doch die Bundesregierung mit den Konzept der standorteigenen Zwischenlager die Castortransporte überflüssig zu machen und den Konflikt zu entschärfen.

Peter Nowak

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