Beutekunst im Hörsaal der Mörder

“Man läßt sie sich auf die Bänke setzen. Eine stellt sich in die Ecke. Eine zieht es vor, sich auf den Boden zu setzen. Die Pflegerinnen winken: ‘Ruhig sein, warten’ und schließen die Tür. Die Kranken sind allein. ...Da rauscht es. Es scheint, die Duschen gehen. Eine auf der Bank läßt den Kopf sinken und plumpst, ihrem Kopf nach, stumpf auf die Steinplatten. Die im Kreis gegangen war, blickt auf und sackt in den Knien zusammen. Auf der Bank lehnt sich eine neben der anderen, rutschen, zwei zusammen und einzeln, herunter, fallen übereinander. Die Duschen rauschen.”

Unter der Überschrift “Die Fahrt ins Blaue” berichtete der damalige französische Besatzungsoffizier Alfred Döblin 1946 in der Freiburger Badischen Zeitung über ein Mordprogramm, dem zwischen 1939 und 1941 über 275000 zuvor zu "entartet" und "lebesunwert" erklärte Menschen zum Opfer gefallen sind. Die detaillierten Angaben bekam der ehemalige Psychiater Döblin von einem an der Euthanasieaktion beteiligten Kollegen, der nach Kriegsende in einem Schwarzwalddorf untergetaucht war. Lange wird er dort wohl nicht zugebracht haben. Die überwiegende Mehrheit der Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die an den Euthanasiemorden beteiligt waren, blieben nach 1945 sowohl in West- wie Ostdeutschland in ihren Ämtern und machten weiter Karriere. In der DDR wurden einige von ihnen “Verdiente Ärzte des Volkes” oder Ordinarius an der Humboldtuniversität. Im Westen avancierten Euthanasieärzte zum Berater für Wiedergutmachungsfragen bei der Bundesregierung, wie Professor Werner Villinger oder zum Gründer der Kinderklinik an der FU-Berlin wie Gerhardt Kujath. Verständlich, daß keiner von ihnen an ihre Tätigkeiten während der Nazizeit erinnert werden wollte. Viel zu befürchten hätten sie sowieso nicht. Die Spuren der meisten Euthanasieopfer verloren sich mit ihrer Einweisung in die psychiatrische Anstalt und wurden mit ihrer Ermordung endgültig getilgt. Natürliche Nachkommen hatten sie in der Regel keine und Verwandte setzten sich äußerst selten in der Nachkriegszeit für die Rehabilitierung ihrer ermordeten Angehörigen ein. Die wenigen Überlebenden wurden nie als Naziverfolgte anerkannt. Wenn ein Überlebender doch zu frech wurde und gar Entschädigung forderte, konnte es ihm ergehen wie Werner K, der in der Nazizeit in den Wittenauer Kliniken in Berlin zwangssterilisiert worden war. Nachdem er Gerhard Kujath und den damals noch in den Wittenauer Kliniken amtierenden Oberarzt Willi Behrendt die Beteiligung an der Ermordung von Erwachsenen und Kindern vorgeworfen hatte, wurde er mit der Begründung, von ihm gehe eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung aus, weil er sich offenbar krankheitsbedingt in die Vorstellung hinneinsteigere, “daß ihm in der Zeit seiner Unterbringung in den hiesigen Karl-Bonhöffer-Heilstätten Unrecht geschehen sei, für das er Entschädigung verlangen könne”, 1964 zwangsweise in eine Düsseldorfer Nervenklinik eingewiesen.

Ganz so rabiat geht man heute mit den Kritikern nicht mehr um. Doch als “Verbreiter von politisch korrekten Schwachsinn” und “ominöse Initiative mit abstrusen Argumenten” muß sich der Bundesverband der Psychiatrieerfahrener titulieren lassen, seit er ein Mahnmal für die Euthanasieopfer in der NS-Zeit in der Berliner Tiergartenstraße 4 fordert. Dort amtierten in einer heute längst verschwundenen Villa zwischen 1939 - 1941 die Schreibtischtäter und regelten alle die Euthanasiemorde betreffenden Angelegenheiten von der Einstellung des Personals bis zur Abrechnung mit den Krankenkassen und den Fürsorgeverbänden bürokratisch bis ins Detail. Nach dem von Hitler am 24.August 1941 verfügten Stop der Massentötungen wurden die Planer nach Polen exportiert, wo sie für den Aufbau der großen Vernichtungslagern auf die in der Tiergartenstraße gesammelten Erfahrungen zurückgreifen konnten.

Durch die Bezeichnung “T4-Aktion” wurde diese Adresse zu einem Synonym für die nazistische Vernichtungspolitik, doch vor Ort fehlte lange Zeit der kleinste Hinweis darauf. Schließlich sollte dort nach den Vorstellungen des Westberliner Senats mit dem Kulturforum Deutschland als Land der Dichter und Denker präsentiert werden. Mit den nach Entwürfen des Architekten Hans Scharoun errichteten Gebäuden der Philharmonie, der Neuen Nationalgalerie und des Musikinstrumenten-Museums wurde die Vergangenheit zubetoniert. Erst 1989 wurde auf Initiative der Lokalgeschichtswerkstatt ”Aktives Museum” nach zähen Ringen mit den Berliner Kommunalpolitikern vor dem Eingang der Philharmonie eine unauffällige schwer entzifferbare Tafel in den Boden eingelassen, die an die Terrorzentrale erinnerte.

Nach den Plänen von Berlins Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) soll das Kulturforum demnächst um ein “Haus der Mitte” ergänzt werden, daß als Künstlergästehaus Verwendung finden soll. Ein Mahnmal für die Euthanasieopfer ist in seinen Plänen ebenso wenig vorgesehen, wie beim Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen. Der will überhaupt kein Mahnmal für NS-Opfer in Berlins Innenstadt mehr zulassen, nachdem er das Holocaust-Denkmal zähneknirschend akzeptieren mußte.

Aber nicht nur Berliner Politiker sondern auch die Heidelberger Universitätsverwaltung legt der Initiative für das Denkmal der Euthanasieopfer Steine in den Weg.

Sein Jahren lagert in ihrem Keller Beutekunst der besonderen Art, die sogenannte Prinzhorn-Sammlung. Benannt ist sie nach dem Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn, der bis 1921 Gemälde und Skulpturen von Psychiatrie-Insassen sammelte. Die Künstler interessierten ihn dabei nicht. Häufig ist nicht mal deren Namen in den Katalogen aufgeführt. Aber nirgends fehlt das Krankheitsbild, zu dessen Illustration Prinzhorn die Kunstgegenstände als Teil der Patientenkartei sammelte. Für die Heidelberger Klinik sind sie das bis heute. Deshalb denkt die auch gar nicht daran, die böswillig erworbenen Kunstwerke der ‘Initiative Haus des Eigensinns’ zu übereignen. Die will sie in der Gedenkstätte ausstellen, um damit der Künstler zu gedenken, von denen einige bei den T4-Aktionen ermordet worden sind. Doch die Heidelberger Universität will, unterstützt von der Landesregierung von Baden Württemberg, will ab 2001 die Bilder zum Gedenken an den Sammler Prinzhorn auf ihrem Gelände präsentieren. Der ist schon 1933 gestorben und hatte so keine Gelegenheit mehr, am Euthanasieprogramm mitzuwirken aber noch genügend Zeit, um seine antisemitische Gesinnung auszudrücken, wie Dr. Thomas Röske in seinem Buch ”Der Arzt als Künstler - Ästhetik und Psychotherapie bei Hans Prinzhorn (1886 - 1933)" nachgewiesen hat. Gegen "die rasend schnelle, in kaum zwei Generationen geschehene Überflutung mit jüdischem Geist" empfieht Prinzhorn "in Werk und Tat nämlich die dem Judentum unbequemen arischen Eigenwerte auf so hohem Niveau zum Ausdruck zu bringen, daß nur offensichtig tendenziöse Gehässigkeit noch Angriffspunkte findet. "

Als Ausstellungsort wird ein ehemaliger Hörsaal umgebaut, in dem Euthanasieärzte gelehrt haben, darunter der berüchtigte Professor Carl Schneider. Er war nicht nur einer der wissenschaftlichen Schrittmacher der T4-Aktion, er tat sich auch als nazistischer Kunstkritiker hervor: “Jeder gesund und klar Denkende wird nach einem Rundgang durch die Ausstellung ”Entartete Kunst” eine tiefe Befriedung und Dankbarkeit darüber empfinden, daß ein solcher ‘Spuk im deutschen Leben’ nunmehr endgültig der Vergangenheit angehört.” Unter den in der Ausstellung “Entartete Kunst” gezeigten Bildern befanden sich auch Werke aus der Prinzhornsammlung.

“Beutekunst für den Hörsaal der Mörder?” mit diesen Transparent protestierten einige Psychiatriekritiker gegen die Pläne der Heidelberger Klinik. Doch die Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung ist groß. Es sei denn, dem Freundeskreis des Museums Haus des Eigensinn, dem sich unter Anderem der Leiter des Haus der Wannseekonferenz Norbert Kampe, Dorothea Buck vom Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten und der langjährige Ärztekammerpräsident von Israel und zeitweilige Präsident der World Medical Association Dr. Ram Ishay angeschlossen haben, gelingt es genügend Druck im Ausland zu erzeugen. Wie beim 11.internationalen Kongreß der World Psychiatric Association (WPA), zu dem sich vom 6. -11.August erstmals in Deutschland Psychiater aus aller Welt trafen. Die Israeli Association Against Psychiatric Assault und der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener forderten im Vorfeld die Verlegung in ein anderes Land, um nicht die Mitschuld der Psychiatrie für die Naziverbrechen zu vertuschen. Auf der parallel zum WPA-Weltkongreß in Hamburg stattfindenden Tagung “Psychiatrie und der Nationalsozialismus” stand ein Referat unter der Überschrift “Hans Prinzhorn - ein Nazi-Ideologe pathologisiert die Kunst”.

Peter Nowak

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