Die Tageszeitung”TAZ”4.09.1999

Netzwerk gegen WTO und Millenium-Round

  • Im indischen Bangelore diskutieren 150 Delegierte von internationalen Basisorganisationen über den Widerstand gegen den globalen Kapitalismus und über die Zukunft des PGA
  • “Bevor wir mit dem Plenum beginnen singen wir zusammen ein Versöhnungslied, damit es nachher keinen Streit gibt”. Waiariki Grave stieß mit seinen Ansinnen auf offene Ohren. Der Delegierte der indigenen Bevölkerung aus Aotearao, daß wir nur unter dem kolonialen Namen Neuseeland kennen, gehörte zu den ca. 150 Delegierter von Frauen-, LandarbeiterInnen- und indigenen Organisation  aus aller Welt, die sich Ende August eine Woche lang  in der südindischen Provinz Karnataka zur zweiten internationalen Konferenz des Netzwerks ‘Peoples Global Action’ (PGA) getroffen haben. An den auf den Gründungskongreß im Februar 1998 in Genf formulierten Ideen wurde festgehalten.  In klarer Abgrenzung zur Politik der traditionellen Linken und zur Lobbyarbeit der Nichtregierungsorganisationen (NGO) will das PGA Widerstand gegen die Politik von die Weltbank und die Welthandelsorganisation (WTO) organisierten.  So soll parallel zum WTO-Gipfel vom 29.November bis 3 Dezember ein ‘Festival des Widerstands’ im amerikanischen Seattle zelebriert werden. Die Palette der geplanten Aktionen vor Ort reicht von Kulturveranstaltungen bis zur Totalblockade des Kongreßortes. Zeitgleich soll es auf allen Kontinenten Unterstützungsaktionen geben.  Auch nach dem Gipfel will sich das PGA die Verhinderung der sogenannten Millenium-Runde widmen.  Dabei handelt es sich um in Seattle beginnende Marathon-Verhandlungen, mit denen die  WTO die weitere Liberalisierung des Welthandels im nächsten Jahrtausend durchsetzen will. Dabei hoffen die PGA-Aktivisten an die weltweiten Proteste gegen das Multinationale Abkommen für Investitionen (MAI)  anknüpfen zu können.

     Doch die Anfangseuphorie ist beim PGA verflogen. Die erhoffte schnelle Erweiterung hat nicht stattgefunden. Im Gegenteil, wichtige  Gründergruppen, wie die zapatistische Frontorganisation FZLN aus Mexiko und die brasilianische Landlosenbewegung MST haben sich ohne Begründung aus dem Netzwerk zurückgezogen, dessen zukünftigen Perspektiven sind auch nach der zweiten Konferenz offen sind. Während vor allem Delegierte aus Trikontstaaten die PGA-Aktivitäten auf den Kampf gegen Weltbank und WTO beschränken wollen, warnten britische TeilnehmerInnen vor einer Vereinnahmung durch rechte Gruppierungen. So hätten sich in Australien und Belgien gegen das internationale Finanzkapital agierende nationalistische Gruppen positiv auf PGA-Aktionen bezogen.  Um sich davon abzugrenzen, wollen sie Positionen  gegen Rassismus, Antisemitismus  und Patriarchat im PGA-Manifest verankern wissen. Dafür handelten sie sich prompt den Vorwurf des Eurozentrismus ein. “Die Europäer vertreten nur Minigruppen und wollen hier ihre Vorstellungen durchsetzen;” kritisierte ein indischer Delegierter, der betonte,  eine Bauernorganisation mit Zehntausenden Mitgliedern und aktiver Basis zu  vertreten. Einen Einwand, dem der spanische PGA-Aktivist Aktivist Sergio Oceransky zustimmt “Die europäischen TeilnehmerInnen haben meistens einen intellektuellen Hintergrund, viele Pläne aber wenig Basis.”  Die Differenzen werden auch die dritte PGA-Konferenz beschäftigen, die im kommenden Jahr in Lateinamerika stattfinden soll.

                        Peter Nowak

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