Taz, 21.12.99

Zwischen Internet und Vogelschutz

    Ohne Staatsknete und Milleniumsrummel geht der siebtene Jugendumweltkongress am Jahresende in Tübingen über die Bühne

Milleniumrummel allerorten. Doch wie verbringen all jene den Jahreswechsel, die sich unter dem Motto "Brot statt Böller" solchen kollektiven Freudentaumel bisher verweigert haben. In der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule zumindest sind sie willkommen. Dort veranstaltet die BUND-Jugend in Kooperation mit freien Umwelt- und Projektwerkstätten vom 26.12.99 bis zum 2.01.2000 der siebenten Jugendumweltkongress.

Der Auftakt-Kongress im Sommer 1993 war der Startschuss einer in überparteilichen Netzwerken und Projektwerkstätten organisierten Ökologiebewegung, die vom Müsliimage der AltökologInnen wegkommen wollte. Die in Umweltkreisen noch vorhandene Scheu vor der Benutzung von Computer und Internet ist in JUKß-Kreisen unbekannt. Pragmatismus und Effektivität wird dort hingegen grossgeschrieben, was aber Kritik an herrschenden Verhältnissen nie ausschloss.

In diesem Jahr steht das Treffen unter dem Motto ‘Freiräume statt Technikträume’ "Nicht technische Patente sondern Menschen mit Kreativität und guten Ideen werden die gegenwärtigen und zukünftige Probleme lösen. Unser Ziel sind soziale statt technologischer Lösungen für die Zukunft;" erklärt eine JUKß-Sprecherin.

Als Negativbeispiel für technokratische Zukunftskonzepte nehmen sich JungökologInnen die Expo2000 vor, die im nächsten Sommer in Hannover mit viel Aufwand über die Bühne gehen soll. "Gentechnik und Atomkraft werden dort nahtlos neben Ökodörfern und Windanlagen zu finden sein. Kann eine Veranstaltung in dieser Größenordnung sozial und ökologisch verträglich sein?" fragen die OrganisatorInnen im Einladungs-Flyer. Die Auseinandersetzung mit dem Expo-Konzept wird in diesem Jahr auf dem JUKß das Schwerpunktthema sein. Höhepunkt soll eine im Rahmen des JUKß organisierte öffentlichen Diskussionsveranstaltung sein, an der am 30.12. neben erklärten Expogegnern und -befürwortern auch VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen, die sich kritisch an der Expo beteiligen wollen, teilnehmen werden.

Neben diesem Schwerpunktthema soll in Workshops und Arbeitsgruppen die gesamte Themenpalette der Ökologiebewegung, vom Atomausstieg bis zu Müllvermeidungskonzepten abgehandelt werden. Beliebter als Diskussionsveranstaltung sind beim JUKß traditionell die Mitmach-Workshops. Da werden Windräder gebastelt oder Nistkästen für Vögel gebaut, während sich Andere in Kletterkursen auf zukünftige Robin-Wood-Aktionen vorbereiten.

Mit diesen breitgefächerten Konzept hat der JUKß allen Unkenrufen zum Trotz immer wieder neue UnterstützerInnen und TeilnehmerInnen gefunden. Dabei stand die Existenz des Ökoevents mehr als einmal auf der Kippe. Mal monierten staatliche Behörden die Teilnahme autonomer Anti-AKW-Gruppen auf der Konferenz, mal sprachen Altökos aus der Zeitung Contraste in Bezug auf die Jugendumweltbewegung vom "Ende einer Jugendbewegung".

Doch selbst das turnusmässige Ende der staatlichen Förderung überlebte der JUKß. Auch in diesem Jahr muss der Kongress ohne Staatsknete auskommen. Nach Einschätzung des JUKß-Teams werden der Milleniumrummel und die basisdemokratische Kongressstrukturen zu einem Rückgang der TeilnehmerInnenzahlen gegenüber den letzten Jahren führen. Statt der bisher bis zu 1000 BesucherInnen wird in diesem Jahr mit ca. 400 "jungen und jung gebliebenen ÖkologInnen" gerechnet.

Peter Nowak

Kontakt:
JUKß-Büro, Schellingstr. 6, 72072 Tübingen, Tel: 07071/76909, info@jugendumweltkongress.de

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