Mit Gandhi und Mao gegen die Weltbank-Projekte

Indiens Graswurzelbewegung ist sich mit der hindunationalistischen Regierung nur in einem Punkt einig - alles Böse kommt von Außen

  • Das noch bis zum 3. Oktober andauernde  fünfwöchige Wahlprozedere in Indien wird immer blutiger. Über 60 Menschen verloren in dieser Zeit bei Auseinandersetzungen verfeindeter politischer Lage das Leben.  Die Konflikte haben zugenommen, je mehr Umfragen nach den bisherigen   Wahlgängen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der um  hindunationalistischen Regierungspartei BJP gescharte Parteienkoalition und der sich als Nachlassverwalterin des Staatsgründers Mahatma Gandhi gerierenden Kongreßpartei voraussagen.  Allerdings werden der BJP noch immer die besten Chancen prognostiziert. Noch vor einigen Monaten galt  die Kongreßpartei als Favoritin, nachdem es ihrer Spitzenkandidatin Sonja Gandhi  gelungen schien, der nach ihrer Wahlniederlage in Apathie und Flügelkämpfe versunkenen Partei wieder Kampfesmut einzuhauchen.  Doch Sonja Gandhis italienische Herkunft gab den Hindunationalisten die Gelegenheit ganz auf die rassistische Karte zu setzen. “Eine Ausländerin darf Indien nicht führen”; mit dieser  Parole konnte der BJP wieder an ihren völkischen Grundlagen anknüpfen. Entstand sie doch der 1925 gegründeten hindunationalistischen Bewegung Rashtriya Swajamsevak Sangh (RSS), die in den 30er Jahren mit dem europäischen Faschismus sympathisierte und die Herrschaft der “arischen Hindurasse” in Indien propagiert. Der 1980 gegründete BJP hatte diese Forderungen moderater formuliert in ihr Programm übernommen. Ihr Wahlslogan lautete: Eine Nation, ein  Volk, eine Kultur. Noch 1993 setzten Stoßtrupps der Partei in Bombay Häuser und Geschäfte von Moslems in den Brand.  Heute ist die BJP in dieser Stadt Teil des rechten Parteienbündnisses, daß den  erklärten Rassisten und Hitleranhängers Bal Thackeray als Bürgermeister stützt.   
  • In der indischen Regierung hingegen musste der BJP im Bündnis mit einem halben Dutzend heterogener Klientelparteien viele Kompromisse machen. Vor allem eines ihrer Prestiegeobjekte, der Neubau eines Hindutempels anstelle eines von Hindufanatikern zerstörten Moschee in Ayodhya, wurde vertagt.  Mittlerweile hat sich die Partei mit ihrem neoliberalen Wirtschaftskurs bei der kleinen Schicht der wirtschaftlichen Aufsteiger Vertrauen erworben, gibt sie sich doch in der indischen Öffentlichkeit als rechtskonservative Partei und Garant des freien Unternehmertums aus. Was aber BJP-Funktionäre der mittleren Ebene nicht daran hindert,  Kampagnen gegen Moslem und nonkonformistischen Künstler in mehreren  indischen Städten anzuzetteln. Mit ihrer völkischen Kampagne gegen Sonja Gandhi und  den moslemischen Erbfeind Pakistan im Kaschmir-Konflikt konnte der BJP ihre Reihen wieder schliessen. Doch die Ablehnung alles Fremden ist in Indien längst nicht nur auf die Rechte beschränkt. So mußten erst vor wenigen Wochen prominente Politiker der Kongress-Partei von ihren Ämtern zurücktreten, weil sie sich der Kampagne gegen Sonja Gandhi angeschlossen hatten und sich dabei gar auf Mahatma Gandhi beriefen. Der habe sich schließlich immer gegen ausländische Einflüsse gewehrt.

    Das sehen auch die in Indien im letzten Jahrzehnt sprunghaft angewachsenen sozialen Bewegungen ähnlich, die in der Regel die Weltbank und Welthandelsorganisation WTO für alle Probleme in Indien verantwortlich machen.   

    Veena Surana hat noch mit Gandhi in der Unabhängigkeitsbewegung gekämpft und propagiert als Organisator der Karnataka Rayka Ryota Sangha (KRRS), der Vereinigung der Bauern der Provinz Karnataka, noch immer dessen Ideen. Die 1981 gegründete Organisation zählt heute zehn Million Mitglieder und ist auch im Ausland recht bekannt. Dafür sorgt schon ihr charismatischer Präsident Nanjundaswamy, der von seinen Anhängern liebevoll Swamy genannt wird. Nicht nur ausländischen Besuchern fällt seine dominierende Rolle in der KRRS auf, die für sich absolute Basisdemokratie beansprucht. ”Die Konsensfindung in der Organisation läuft von unten nach oben. Wenn es Entscheidungsbedarf gibt, beraten sich erst die Dorfkomitees, dann die Provinzkomitees und zum Schluß das oberste Landeskomitee. Die Delegierten, die in das nächsthöhere Organ bestimmt werden, sind ihrer Basis rechenschaftspflichtig und können jederzeit ausgetauscht werden. Vorstände oder andere Gremien gibt es bei der KRRS nicht”; skizziert Surana das Modell einer scheinbar idealtypischen Basisdemokratie, benennt aber gleich deren Grenzen. “Bei grundlegenden Differenzen werden die unterschiedlichen Positionen ausführlich dargestellt. Kommt es zu keinen Konsens entscheidet Swamy unter Berücksichtigung aller Argumente.” Das letzte Wort hat also im Zweifelsfall doch der Präsident.

    Ganz in der Tradition von Gandhi setzt die KRRS auf Gesetzesübertretungen und zivilen Ungehorsam. Während dabei die Gefährdung von Personen  abgelehnt wird, gehört Gewalt gegen Sachen durchaus zum Repertoire der Aktivisten. Häufig wurden Filialen des Saatgutkonzerns Monsanto demoliert und Versuchsfelder mit genmanipulierten Pflanzen zerstört. Auch MacDonald-Filialen und Likörshops gehören zu den anschlagsrelevanten Zielen. Vor allem die KRRS-Frauen dringen häufig in die Läden ein und verschütten sämtlichen Alkohol. Damit soll verhindert werden, daß die Männer ihre Rupien in Alkohol anlegen und in betrunkenen Zustand ihre Familie terrorisieren. Doch die Aktionen der KRRS-Frauengruppen lassen sich nicht auf Anti-Alkohol-Kampagnen reduzieren.  Seit Jahren mobilisieren sie gegen die frauenverachtende Tradition des Brautgelds und die alljährlich stattfindende Wahl der Miss Universum. “Wir protestieren damit gegen ein Frauenbild, daß uns vom Westen aufoktroyiert werden soll”;  meint die Aktivistin Paanalal Shugar.

    Der Kampf gegen den ausländischen Einfluß, der sich für sie  in multinationalen Konzerne aber auch in westlicher Kultur manifestiert, ist ein einigendes Band der indischen Graswurzel-Bewegung.  Viele berufen sich auf Gandhis Swadeshi. Nach diesem Konzept einer einfachen Lebensführung im Einklang mit der Natur sollen die Menschen in  überschaubaren dörflichen Lebenszusammenhängen wohnen, sich von einheimischen Pflanzen ernähren und selbstgefertigter Kleidung, dessen Material selbstverständlich ebenfalls aus Indien kommen soll, tragen. “Das wahre Indien findet sich nicht in den wenigen Städten sondern in den unzähligen Dörfern”; dieses Credo des Swadeshi-Programms hält der KRRS-Organisator Surana nach wie vor für gültig. Auch wenn er zugeben muß, daß zumindest ein Großteil der indischen Jugend mehr auf US-amerikanische Markenware als auf heimische Produkte steht.

    Mao mit Gandhi aufgepeppt

    Doch nicht alle politischen Graswurzelgruppen Indiens sind so überzeugte Swadeshi-Anhänger wie Surana und die KRRS. So haben die Kader der All India Peoples Resistance Forums (AIPRF) ihren politischen Background unverkennbar im Maoismus, wenn sie auch viele ihrer politischen Erklärungen mit ein Gandhisprüchen aufpeppen. Sie unterstützen arme Bauern im Kampf gegen die Großgrundbesitzer ebenso wie die Dalits im Kampf gegen das indische Kastensystem. Die Dalits,  die hierzulande noch immer mit dem diskriminierenden Begriff Unberührbare benannt werden, stehen auch über 50 Jahre nach der indischen Staatsgründung noch immer auf der untersten Stufe der indischen Gesellschaft und sind zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt. Die meisten von ihnen sind Christen und vertreten eine indische Variante der Theologie der Befreiung, die mit maoistischen Theorieelementen koexistiert. Der Staat reagiert auf die Kämpfe der Dalits und das AIPRF vor allem in den ländlichen Regionen mit offener Repression. Bei Landbesetzungen gibt es immer wieder Tote. Zahlreiche politische Aktivisten sind spurlos verschwunden.  Häufig sind auch der Subversion beschuldigte christliche Missionare Ziel der Angriffe. 

    Von den Wahlen erhofft sich in der indischen Graswurzelbewegung kaum jemand etwas. Die Dalit-Aktivistin Vanada Phallaga spricht mit ihrer Einschätzung wohl den meisten Grasroot-Aktivisten aus den Herzen: “Im Wahlkampf scheinen die Kandidaten  plötzlich zu entdecken, daß es uns auch noch gibt. Doch in Wirklichkeit interessieren die uns überhaupt nicht, und auch wir haben an den parlamentarischen Theater kein Interesse.”

    Peter Nowak

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