"Die Ermordung der Irren enthält den Schlüssel zum Juden-Pogrom"

Die Initiative "Haus des Eigensinns" fordert die Errichtung
einer Gedenkstätte zur Erinnerung an die über 275000 "Euthanasie"-Morde
in der Berliner Tiergartenstraße 4. Warum soll neben dem Haus der
Wannseekonferenz, der Topographie des Terrors, der
Gedenkstätte Deutscher Widerstand, und des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin ein weiteres Mahnmal für NS-Opfer entstehen?

René Talbot (R.T.).: Die Tiergartenstraße 4 ist einer der Orte, die zu einem Synonym für
nazistische Vernichtungspolitik wurden. Hier wurde die nach der Adresse benannte "Aktion T4" geplant und organisiert. So nannten die Nazis den systematischen Massenmord an über 275000 zu "Entarteten" und "lebensunwertem" Leben erklärte Menschen. Die für die Mordaktion verantwortlichen Schreibtischtäter saßen von 1939 - 1941 in der Tiergartenstraße 4. Danach wurden sie nach Polen exportiert, wo sie für den Aufbau der großen Vernichtungslagern auf die bei der T4-Aktion gesammelten Mord-Erfahrungen zurückgreifen konnten. Wir möchten mit unserer Initiative den Euthanasieopfern gedenken. Dabei vertreten wir aber keine Partikularinteressen. Die Nazi spezifische Vernichtungsmaschine"
hat in der Tiergartenstraße ihren Ursprung. "Die Ermordung der Irren
enthält den Schlüssel zum Juden-Pogrom"; schrieb schon im August 1941
Horkheimer an Adorno.
Der amerikanische Historiker Henry Friedländer, der mit seinem
Standardwerk "Die Entstehung des Nazigenozids - von der Euthanasie zur
Endlösung" einen wesentlichen Anteil an der wissenschaftlichen
Aufarbeitung dieses Kapitels der Naziverbrechen hat, schrieb zum
Stellenwert der "Aktion T4": "Mir war klargeworden, daß die Ideologie,
der Entscheidungsprozeß, das Personal und die Tötungstechnik die
Euthanasie mit der Endlösung verbanden."
Insofern soll unsere Initiative einen Beitrag zum Wissen um des gesamten
nazistischen Vernichtungsprogramms leisten.

Erst seit 1989 erinnert in der Tiergartenstraße 4 eine
unauffällig in den Boden eingelassene Tafel an die Opfer der
"Aktion T4". Wieso ist deren Bedeutung für die nazistische
Vernichtungspolitik so spät erkannt worden und auch heute noch so
wenig im öffentlichen Bewußtsein präsent?

R.T.: In der Gesellschaft existiert ein großer Widerwille, Ärzte als
Tätergruppe ins Auge zu fassen. Schließlich widerspricht das deren
positiven Image als Heiler und Hoffnungsträger. Gerade die
Biographien der an der T4-Aktion beteiligten zeigt, die Täter kamen
aus der Mitte der Gesellschaft. Es herrschte nach dem Ende der Nazis eine regelrechte Amnesie, was insbesondere die Verbrechen der "Euthanasie" angeht.
Nach den Vorstellungen der Westberliner Stadtplaner sollte
im Kulturforum Deutschland als Land der Dichter und Denker präsentiert werden. Deutschland als Land der Richter und Henker, daß es genau an diesem Platz mit der Tiergartenstr. 4 und dem Volksgerichtshof geworden war, sollte nicht vorkommen.
Daß heute überhaupt eine Tafel an die T4-Aktion erinnert, ist der
Initiative ‘Aktives Museum’ zu verdanken, die damit auf
Stätten der Verfolgung und des Widerstands im Stadtbild aufmerksam
machen wollte.
 

Wie erging es den überlebenden Opfern in Heimen und Anstalten nach 1945?

R.T.: Sie wurden in der Gesellschaft in der Regel nicht als Naziopfer
wahrgenommen. Viele Verwandten haben sich für ihre im Rahmen der
T4-Aktion ermordeten Angehörigen geschämt und sich nicht für deren
Rehabilitierung eingesetzt.
Ein gravierender Unterschied zu anderen Naziopfern besteht schon
darin, daß ihr Leidensweg mit dem Ende der Nazizeit nicht zu Ende war.
Die systematischen Hungermorde in den Anstalten sind bis 1947 in ganz
Deutschland weitergegangen. Das für die "Euthanasie" verantwortliche
Personal blieb nahezu vollständig in ihren alten Positionen.
Auf der rechtlichen Ebene gab es im Umgang mit der "Euthanasie" und den Zwangssterilisationen Unterschiede zwischen der BRD und der DDR. In der DDR wurden die Zwangssterilisationene zu Nazi-Unrecht erklärt. Nach 1989 gab es zunächst einen Rückschritt bis die Zwangssterilisationen schließlich 1998 vom Bundestag endgültig für NS-Unrecht erklärt wurden.
Überlebende Opfer mußten sich einer langwierigen Befragung
unterziehen, wenn sie eine geringfügige Entschädigungszahlung erhalten
wollten.
Ich weiß von Opfern, die durch glückliche Umstände gerade noch mal vor der Gaskammer umdrehen durften und nach 1945 weiterhin gegen ihren Willen in Kliniken festgehalten und teilweise mit Elektroschocks mißhandelt wurden.
 

Was soll im Museum "Haus des Eigensinns" zu sehen sein?

Nach unseren Vorstellungen stünde in dem Museum eine Fläche von ca.
1100qm für zwei Seiten des Projekts zur Verfügung:
Die vorhandene Wanderausstellung vom Bund der "Euthanasie"-Geschädigten
und Zwangsterilisierten” bildet den Grundstock für die Dokumentation der
Verbrechen und der ideologischen Hintergründe der Euthanasie-Morde und soll ca. 40% des Platzes beanspruchen. 60% sind für die Bilder der sog. Prinzhorn-Sammlung reserviert. Sie ist nach dem Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn benannt, der bis 1921 Gemälde und Skulpturen von
Psychiatrie-Insassen sammelte und sich damit aktiv an der Pathologisierung
ihrer Kunst beteiligte. Daran, daß bis heute in den Katalogen der Heidelberger Universitätspsychiatrie die Künstler zum Teil als Personen völlig
verschwunden sind, sieht man, daß es ihr nur um die Illustration ihres Krankheitsbegriff geht. Dabei ist bekannt, daß einige der Künstler unter den Nazis im Rahmen der T4-Aktion ermordet wurden.

Die Heidelberger Universität will die Prinzhorn-Sammlung in den
nächsten Jahren ebenfalls ausstellen. Dazu soll ein Hörsaal zum
Ausstellungsort umgebaut werden. Warum soll die Prinzhorn-Sammlung unbedingt nach Berlin kommen?

R.T.: Mit ihrem Versuch weiter über die bösgläubig erworbenen Kunstwerke
zu verfügen, setzt die Heidelberger Klinik mit Unterstützung der Landesregierung Baden Württembergs die Pathologisierung der Kunst und Mißachtung der Opfer bis in die Gegenwart fort. Sie will mit der
Ausstellung Hans Prinzhorn ehren, der sich mit seinen dokumentierten Äußerungen eindeutig als Rassist, Antisemit und Naziideologe zu erkennen
gegeben hat. Wir wollen mit dem Museum die Opfer rehabilitieren und ihr menschliches Antlitz in ihrer Kunst jenseits aller Pathologiesierungsversuche
sichtbar machen. Daß in Heidelberg gerade auch noch ein Hörsaaal der Psychiatrie, in dem "Euthanasie"- Mordärzte gelehrt haben, zum Museum umgebaut werden soll, ist ein besonderer Skandal.

Was hat die Initiative bisher erreicht?

R.T.: 1996 sind wir das erste Mal in die Öffentlichkeit gegangen. Ein
Gutachten, daß der renommierte Jurist Prof. Peter Raue im Frühjahr 96 zu den
Eigentumsrechten der Werke der sog. Prinzhornsammlung erstellte, bestätigte unsere Position vollständig. Die Heidelberger Klinik hat die Bilder> bösgläubig erworben und hat daher keine Eigentumsrechte. Dieser
Rechtsauffassung hat sich mittlerweile auch der Staatsminister für
Kultur und Medien Dr. Naumann angeschlossen.
Vertreter unserer Initiative haben mehrmals Gespräche mit der Heidelberger Universität geführt, sind dort aber auf totale Ablehnung gestoßen. Mittlerweile wird unsere Initiative von einer Reihe Prominenter unterstützt. Dazu gehören u.a. Henry Friedländer, Walter Jens, Horst Eberhard Richter, Ellis Huber, der
Leiter des Haus der Wannseekonferenz Norbert Kampe und Dorothea Buck
vom Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten. Sie sind
Mitglieder im Freundeskreis des Museums "Haus des Eigensinns, der sich
am 28.1.98 konstituiert hat. Bestärkt wurde unsere Initiative mittlerweile durch Lea Rosh, die sich in einem Zeitungsinterview für das Museum ausgesprochen und Dr. Ram Ishay, dem langjährigen Ärztekammerpräsidenten von Israel und zeitweiligen Präsidenten der World Medical Association, der sich ebenfalls dem Freundeskreis angeschlossen hat.
Ende Juni 99 richtete der Freundeskreis an die zuständige Berliner
Finanzsenatorin Fugmann-Heesing die Aufforderung, daß Grundstück
Tiergartenstraße 4 an eine Stiftung zu übergeben. Das wäre der erste
Schritt für die Errichtung des geplanten Museums.
Wie realistisch stehen die Chancen für die Realisierung ihre
Pläne, nachdem Berlins Regierender Bürgermeister Eberhardt
Diepgen die zähneknirschende Zustimmung zum Mahnmal für die ermordeten Juden Europas mit der Erklärung verband, kein weiteres Mahnmal für Naziopfer in der Hauptstadt mehr zuzulassen?

R.T.: Auf unseren Brief wegen der Grundstücksübergabe haben wir noch keine Antwort bekommen. Das ist ein gutes Zeichen, weil die Verantwortlichen
sich Zeit zur Prüfung unseres Anliegens nehmen. Auch die Gespräche mit
den SPD und CDU-Vertretern im Kulturausschuß verliefen sehr
ermutigend.


Wir sind zuversichtlich, daß nach der Entscheidung gegen ein
Holocaust-Museum, unser Konzept des "Haus des Eigensinns" angenommen wird, das die gesamte Dimension des nazistischen Mordprogramms im Blick hat.
Wenn die Entscheidung für das Museum erst einmal gefallen ist, wird auch die Heidelberger Klinik ihre Bunkermentalität nicht mehr aufrecht erhalten können. Deshalb ist es dann nur eine Frage der Zeit, wann die Bilder der sog. Prinzhorn-Sammlung kommen.

I
nterview: Peter Nowak

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