Frankfurter Rundschau vom 23.12.99

Werkeln an der Baustelle Bildungspolitik

    Seit mehreren Jahren machen sich zwei studentische Initiativen in Berlin Gedanken um die Zukunft der Hochschulen

Das zeitliche Zusammentreffen an einem Tag war zufällig und doch bezeichnend. Am Nachmittag des 6.12. protestierte eine kleine Gruppe Studenten, meist Erst- und Zweitsemester, mit Transparenten und Trillerpfeifen auf dem Landesparteitag der Berliner SPD gegen die mögliche Einführung neuer Studiengebühren. Aus einer ihrer Meinung nach schwammigen Formulierung in den Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und CDU haben die Kommilitonen Ambitionen der grossen Koalition für die zukünftige Einführung von Studiengebühren herausgelesen. Wenige Stunden später trafen sich die Veteranen der noch gar nicht so lange zurückliegenden Unikämpfe in den Hackeschen Höfen zur hochschulpolitischen Debatte. Von den protestierenden Erstsemestern hat sich allerdings niemand in das postmoderne Ambitiente der Heinrich Böll Stiftung verirrt. Die werteten zur gleichen Zeit ihre Aktion aus. Dabei sind die zwei studentischen Organisationen, die den Diskussionsabend veranstalteten, selbst aus noch gar nicht so weit zurückliegenden universitären Protestbewegungen hervorgegangen.

Die aus Angehörigen der Philosophiefakultät bestehenden Gruppe Kant64 hat sich während eines kurzlebigen Streiks im Sommersemester ’94 zusammengefunden und sich seitdem kontinuierlich mit der Reform des Studiums beschäftigt. Die Zusammensetzung der Gruppe ist in den Jahren stabil geblieben, nur der Status der Teilnehmenden hat sich mittlerweile verändert. Aus einigen Studenten sind mittlerweile Assistenten geworden und mit Holm Tetens hat sich sogar ein leibhaftiger Professor der Initiative angeschlossen. "Wir haben uns zunächst ausschließlich um Reformen im Fachbereich gekümmert und dabei auch einige Erfolge erzielt. Erst in der letzten Zeit haben wir begonnen, uns mit der Hochschuldebatte in seiner Gesamtheit zu beschäftigten;" meint Kant-64-Aktivistin Sybille Salewski.

Die Initiative "Gähnende Lehre" hingegen, die sich während des letzten grossen Unistreik im Wintersemester 1997 gründete, nahm sich gleich der grossen Bildungspolitik an. Im Dezember 1998 lud sie zu einer dreitägigen Tagung zur Zukunft der universitären Bildung nach Berlin. "Wir wollten die während des Streiks begonnenen bildungspolitischen Debatten fortsetzen und vertiefen," umriß Gähnende-Lehre-Aktivist Armin Trautsch das Ziel der Initiative. Ergänzt um weitere bildungspolitische Debatten sind die Tagungsmaterialien inzwischen unter dem Titel "Gähnende Lehre? Zukunftsperspektive universitärer Bildung" im Berliner Wissenschaft- und Technikverlag als Buch erschienen. Auch nach der dreitägigen Mammuttagung fiel die Gruppe nicht in das berüchtigte schwarze Loch.

Schließlich trieben die drei Fragenkomplexe der Tagung. "Wozu ist Bildung da? Wie soll sich die Universitäten zwischen Staat und Wirtschaft positionieren? Wie soll die Universität der Zukunft aussehen?" treiben die Studenten weiterhin um.

Diese Fragen stehen auch im Mittelpunkt ihrer jüngsten Initiative, der "Berliner Hochschulpolitischen Debatten", für die auf der Tagung geknüpfte Kontakte genutzt wurden. Kant64 und die grünennahe Heinrich Böll Stiftung gehören zu den Mitveranstaltern.

Die parteiunabhängige Initiative will die Bildungspolitik aus den Parlamenten und Expertengremien herausholen und zur öffentlichen Thema machen. Doch die Resonanz ist bisher bescheiden. Der von Holm Tetens und Michael Daxner ausgetragenen Kontroverse über die Zukunft der Hochschulen in der Wissensgesellschaft lauschten rund 50 Zuhörer.

Dass die Fragestellung "Braucht Berlin 3 Universitäten? " mehr Teilnehmer anlockte, war vor allem der hochkarätigen Besetzung geschuldet. Schließlich trugen gleich alle drei Berliner Universitätspräsidenten auf dem Podium ihre Vorstellung über die Zukunft der Universitäten vor. Im Publikum waren allerdings mehr Pressevertreter als Studenten, räumten die Veranstalter selbstkritisch ein. "Gerade nach dem letzten grossen Streik gibt es ein grosses Desinteresse an bildungspolitischen Fragen. Das ist nicht so leicht aufzubrechen;" beschreibt eine Aktivistin ihre Erfahrungen beim Werben für die Veranstaltungsreihe auf dem Campus. Davon lassen sich die Veranstalter allerdings nicht entmutigen. Weitere Veranstaltungen zum "Zum Verhältnis von Studium und neuer Arbeitswelt" und "Natur- und Geisteswissenschaften - zwei Kulturen, eine Universität" sind schon für das Frühjahr 2000 terminiert. Trotzt ihrer jahrelangen Arbeit im Bildungsbereich sind die Studierenden illusionslos, was die realen Veränderungsmöglichkeiten betrifft. "Das deutsche Bildungssystem ist eine Baustelle, an dem seit Jahren repariert und gewerkelt wird. Da wollen wir auch ein wenig mittun;" bringt eine Kommilitonin ihre Ambitionen pragmatisch auf den Punkt.

Peter Nowak

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