Faust - eine Zeitung trotzt dem Zeitgeist

Am Anfang war alles nur eine vage Idee einiger Kommilitonen. Im Juni 1989 verteilten sie auf den Campus die ersten kopierten Ausgaben einer neuen Unizeitung mit dem einprägsamen aber wenig aufregenden Titel ‘Faust’.   Der große Studentenstreik, der im Wintersemester 88/89 von Westberlin aus wie ein Lauffeuer auf die Universitäten und Fachhochschulen in der gesamten Republik übergegriffen hatte, war gerade zu Ende gegangen. Doch zur Tagesordnung wollten viele Studierenden trotzdem nicht übergehen. Während der Streikwochen war in selbstorganisierten Seminaren  über die Autonomie der Hochschulen sowie die Etablierung einer problemorientierten Wissenschaft und interdisziplinären Forschung debattiert worden. Nach dem Streikende  drohten diese Themen im wieder einsetzenden Unialltag unterzugehen.  “Dem wollten wir mit der Faust entgegentreten.  Eine überregionale Publikation sollte es sein, die unabhängig von den Konjunkturen der Bewegungspolitik mit einem weitergefaßten Publikum als von der studentischen Regionalpresse und den akademischen Journalen erreicht wird, sowohl Wissenschaftskritik als auch Theoriearbeit leistet;” erinnert sich Ralf Oberndörfer.  Der Faust-Mitbegründer gehört der stets ehrenamtlich arbeitenden  Redaktion bis heute an. In diesen Tagen hat er Grund zum Feiern.  Denn anders als eine Vielzahl von Zeitungsprojekten, die meist schon nach zwei Semestern wieder verschwunden sind, hat Faust gleich mehrere Studentengenerationen überlebt und wurde in diesen Tagen zehn Jahre alt.

 Die Schwerpunktthemen in den bisher insgesamt siebenunddreißig Faust-Ausgaben, die immer in einer Auflage von 2000 Exemplaren gedruckt werden,  könnten unterschiedlicher nicht sein. In den ersten beiden Jahren dominierten, getreu dem damaligen Untertitel “zeitung für hochschulverändernde Maßnahmen”, aktuell-politische Themen von der Gentechnologie über den Rassismus an der Uni bis zu den Jugendunruhen in Griechenland. Schon früh wurde auch die Rechtsentwicklung ehemaliger Apo-Veteranen kritisch unter der Lupe genommen. 1991 hatte sich Faust den Untertitel “bundesweite Hochschulzeitung” gegeben, der völlig irreführend gepflegte Langeweile suggerierte, wie die Redaktion im Nachhinein  selbstkritisch feststellt. Eine  stärkere Hinwendung zur theoretischen Arbeit im Zeichen der kritischen Theorie sowie die kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus  und der Shoah hatte begonnen. Seitdem gehören Beiträge über den Antisemitismus in der Linken und deren Verhältnis zu Israel zum festen Bestandteil der Zeitung. Im Herbst 1995 stand der dritte und bisher letzte  Wechsel des Untertitels an, der nun etwas sperrig “Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist uns willkommen” heißt. Damit sollte der Tatsache Rechnung getragen werden, daß sich die Zeitung zum Forum für Wissenschaftskritik entwickelt hat.

  Mit Schwerpunktthemen zur Psychiatrie, dem Naturrecht und dem Zeitbegriff soll die hermetische Grenze zwischen Natur- und Geisteswissenschaften aufgebrochen werden.   Die Verknüpfung von naturwissenschaftlichen mit  ethisch-rechtlichen Fragen werden auch die nächsten Faust-Schwerpunkte bestimmen. Mit einer Kritik an dem Wissenschaftsbegriff der Moderne, wie er sich in den Laboren entwickelt hat, rekurriert die Redaktion auf  bisher in der öffentlichen Debatte meist ausgeblendete Kapitel der Frankfurter Schule. “Die 68er-Bewegung hat sich hauptsächlich auf Adornos Kulturindustriekritik gestürzt und seine Kritik an den Naturwissenschaften zu Unrecht vernachlässigt;” so Oberndörfer.

Obwohl die Themenschwerpunkte für die nächsten vier Hefte schon vorliegen, will niemand von den Redaktionsmitarbeitern längerfristige Bestandsgarantien für die Faust geben. Die finanzielle Situation war seit den Gründertagen prekär. “Uns fehlen regelmäßig rund 100 Abonnements, um kostendeckend arbeiten zu können.”  Der mangelnde Bekanntheitsgrad gerade in kritischen Wissenschaftlerkreisen macht der Redaktion große Sorge.  Doch insgesamt ist Oberndörfer doch ganz optimistisch.  “Schließlich hätte  vor zehn Jahren, als wir die erste Faust-Ausgabe verteilten, niemand von uns im Traum daran gedacht, daß die Zeitung in 10 Jahren noch existiert.”        

Peter Nowak     

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