Der Dach-Schaden der Welt                                                                          Jungle World 8/2000, 16.2.2000

Luise Rinser, Franz Alt und viele Grüne zählen zu den Fans des Dalai Lama. Aber die Begeisterung der Deutschen für den tibetanischen Gelbmützen-Orden ist älter als die Alternativ-Szene. von peter nowak

Mitte Januar beschäftigte eine märchenhafte Story für einige Tage die Weltpresse: Ein 14jähriger Junge war über den schneebedeckten Himalaja aus dem unter chinesischer Kontrolle stehenden Tibet nach Indien geflohen. Was die Geschichte für die Medien so interessant machte: Der Flüchtlingsjunge ist der dritthöchste Würdenträger des tibetanischen Buddhismus. Seine Anhänger bezeichnen ihn als 17. Karmapa, einer von vielen buddhistischen Inkarnationen. Zuflucht fand der Knabe in Dharamsala.

Für Esoteriker aus aller Welt ist dieser kleine nordindische Ort schon lange ein beliebtes Ziel ihrer Pilgerreisen, residiert doch dort seit mehreren Jahrzehnten der Dalai Lama mit seiner Exilregierung. Die ist zwar von keinem Staat der Welt anerkannt, trotzdem absolviert der Dalai Lama jährlich ein immenses Reisepensum, das einem viel beschäftigten Außenminister zur Ehre gereichen würde. Seine Auslandsaufenthalte changieren dabei zwischen Papstbesuch und Popstar-Auftritt. Die international organisierte Lama-Fan-Gemeinde betrachtet die leiseste Kritik an ihrem Idol als Sakrileg und reagiert mit Empörung und Denunziation.

Dass es nicht ungefährlich ist, sich mit den Freunden des Herrn Tentzin Gyatsu, wie der Dalai Lama mit bürgerlichem Namen heißt, anzulegen, bekam auch der in München lebende Wissenschaftsjournalist Colin Goldner zu spüren. Seine kritische Biografie über den Dalai Lama war kaum auf dem Markt, da gingen bei dem Verfasser auch schon Morddrohungen ein.

Wer Goldners Buch liest, kann den Ärger des Dalai-Lama-Fan-Clubs verstehen, räumt doch der Verfasser konsequent mit allen Mystifizierungen auf, die sich um den Vorsteher des Gelbmützen-Ordens gebildet haben. So bezeichnet er die feudale Herrschaft unter den Klosterbrüdern in Tibet als eine der brutalsten Ausbeutergesellschaften. Menschenrechte, Demokratie oder gar Gleichberechtigung waren dort unbekannt.

Für den weltweiten Lama-Fan-Club sind solche Einwände schlicht Propaganda aus Peking, mit der man sich nicht auseinander setzen will. Zu denen, die auf ihrer lebenslangen Suche nach dem Erlöser bei dem tibetanischen Guru angedockt haben, gehört auch die Schriftstellerin Luise Rinser, die sich immer schnell begeistern ließ, ob für Hitler oder für Nordkoreas großen Vorsitzenden Kim Il Sung. Dass auch Franz Alt, der Trendsetter der Esoterik-Szene und Autor des Bestsellers »Jesus - der erste neue Mann«, zu den Anhängern des Lama gehört, verwundert nicht.

Bemerkenswerter findet es Goldner schon, dass eine exponierte Verfechterin grüner Basisdemokratie wie Petra Kelly den Exponenten des Feudalsystems so vorbehaltlos verehrte. »Das persönliche Verhältnis Petra Kellys zum Häuptling der Gelbmützen war geprägt von nachgerade religiöser Inbrunst und Hingabe, selbst letzte Reste kritischer Distanz dem führenden Vertreter einer feudalen und theokratischen Gesellschaftsordnung gegenüber waren ihr schon nach kurzer Zeit abhanden gekommen.« Kellys unermüdliche Fan-Aktivitäten zahlten sich für den Dalai Lama aus. Sie verhalf ihm nicht nur in Europas Alternativ-Kreisen zu Popularität, sondern leistete auch publizistische Vorarbeit für die Verleihung des Friedensnobelpreises, der ihm 1990 zuerkannt wurde.

Aber auch den schwarzen Schafen in seiner Fangemeinde bleibt das Gelbmützen-Oberhaupt freundschaftlich verbunden. Dazu gehört Shoko Asahara, der Guru der japanischen Aum-Sekte und Verantwortliche für die Giftgasanschläge auf die Tokioter U-Bahn im Jahre 1994. Shoko Asahara verdankt seine rasche Karriere in Japans Esoterik-Szene den persönlich gezeichneten Empfehlungsschreiben des Dalai Lama. In einem von Goldner zitierten Brief des Dalai Lama heißt es: »Meister Asahara ist ein kompetenter religiöser Lehrer und Yoga-Lehrer und ein erfahrener Meditationsausübender.« Und auch noch nachdem die Mordanschläge Asaharas weltweit für Entsetzen sorgten, bezeichnete der Tibeter Asahara als seinen, wenn auch unvollkommenen Freund.

Dass der Guru alte Freunde nicht im Stich lässt, bewies er auch im Fall Heinrich Harrers. Der auch in der hiesigen Free-Tibet-Szene hoch geschätzte ehemalige Bergsteiger nennt sich selber den Lehrer und langjährigen Vertrauten des Dalai Lama. Schon zwanzig Jahre, bevor Kelly und Co. Tibet in der Alternativ-Bewegung zum Thema machten, löste Harrer mit seinem Buch »Sieben Jahre in Tibet« in Deutschland einen Tibet-Boom aus. Wenn es um die Geschichte der chinesischen Gräuel in Tibet geht, ist Harrer immer an vorderster Front mit dabei.

Über seine eigene Vergangenheit mochte er allerdings nicht so gerne sprechen, und die hiesige Tibet-Fangemeinde wollte es auch nicht so recht wissen. In den USA gab es so viel Zurückhaltung nicht. Als »Sieben Jahre« in Hollywood verfilmt wurde, avancierte Harrers Nazi-Vergangenheit zum Gesprächsthema. Bereits 1933 sei der Österreicher Harrer in die damals in seinem Heimatland noch illegale SS eingetreten, in die NSDAP gleich nach dem Anschluss 1938. Auch seine Tibet-Expedition hat die SS ausgerüstet und finanziert. Ursprünglich sollte es um die Bezwingung des Nanga Parbat im Himalaja gehen. Nazideutschland wollte auch auf dem Gebiet des Alpinismus den Engländern die Schau stehlen. Während ihrer Tibet-Tour begann jedoch der Zweite Weltkrieg.

Harrer und sein Begleiter wurden von den Engländern gefangen genommen, konnten fliehen und schlugen sich bis in die tibetanische Hauptstadt Lhasa durch, wo Harrers Erfolgsstory begann. Die bot genau den Stoff, den die Mehrheit in Deutschland in den fünfziger Jahren hören wollte. Wen sollten da die Nazi-Verstrickungen schon interessieren? Kein Wunder, dass Harrer auf die Kritik aus den USA unwirsch reagierte und sie prompt als perfides Spiel der Pekinger Kommunisten abtat.

Sekundiert wurde ihm von der Lama-Dynastie. »Die Naziherrschaft ist 60 Jahre her, Heinrich war weit weg und konnte nichts über die Verbrechen wissen. Aber einen Holocaust gibt es auch heute, und das ist der Völkermord der Chinesen an unserem Volk«, erklärte der Bruder des Dalai Lama. Der Meister selbst ging noch weiter: »Natürlich wusste ich, dass Heinrich Harrer deutscher Abstammung war - und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkriegs weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, dass die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, wir sollten sie in Ruhe lassen und ihnen helfen«, erklärte er 1998 in einem Playboy-Interview.

Ob er wusste, dass es die Nazis waren, die schon in den dreißiger Jahren für die erste Tibet-Begeisterung in Deutschland sorgten? Die Kinos zeigten Tibet-Filme, insbesondere Bergsteiger-Filme, es gab zahllose Ausstellungen und Veröffentlichungen zum Thema, so Goldner. Der Höhepunkt des NS-Engagements am Dach der Welt war eine von Heinrich Himmler ausgerüstete Expedition, die sich in Tibet auf die Suche nach der Wiege der Arier machte. Bei Himmlers Projekt spielten neben strategischen Erwägungen auch esoterische Hirngespinste eine Rolle, die auch heute noch durch Teile der Tibet-Soliszene wabern.

So war der Runenforscher und SS-Mann Karl-Maria Willigut der Überzeugung, in Tibet hätten Überlebende des sagenhaften untergegangenen Kontinents Atlantis Reiche aufgebaut und dort all ihr Wissen aufbewahrt. Auch die theosophischen Wahn-Ideen der russischen Spiritistin Helena Petrovna Blavatsky haben sich aus den dreißiger Jahren bis heute erhalten und stehen bei einem nicht geringen Teil der Tibet-Soliszene hoch im Kurs. Blavatsky geht von höheren und niederen Rassen aus. Die Juden sind nach Blavatsky als »abnormes und unnatürliches Bindeglied zwischen der vierten und der fünften Wurzelrasse« anzusehen, während die Arier zur höchsten Rasse gehören. Es versteht sich fast von selbst, dass diese krude Esoterik bei den Nazis wohlgelitten war.

Die Blavatksy-Jüngerin Alice Ann Bailey, glühende Hitler-Verehrerin und Propagandistin des Dritten Reiches, behauptete, spiritistische Weisungen direkt von der »Großen Weißen Bruderschaft« zu empfangen, zu der nur besonders Erleuchtete Zugang hätten, darunter Napoleon, Mussolini, Hitler und Franco. Auch Bailey ist eine der Vordenkerinnen der heutigen New-Age- und Esoterik-Szene, wo ihre Bücher zur Grundlagenliteratur zählen.

Goldners materialreicher Recherche fällt das Verdienst zu, die braune Vergangenheit der deutschen Tibet-Begeisterung ausgeleuchtet zu haben. Dass er dabei nicht wenige der selbstgerechten Dalai-Lama-Fans zur Weißglut reizt, ist ein positiver Nebeneffekt.


Colin Goldner: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs.
Alibri, Aschaffenburg 1999, 455 S., DM 39

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