Das kurze Leben des Nikolai Besarin

Das Museum Karlshorst porträtiert das Leben des sowjetischen Stadtkommandanten Besarin   

 “Da ist es, das faschistische Nest”; mit solchen Propagandatafeln in kyrillischer Schrift am Stadtrand Berlin wurden im Frühjahr 1945 die Soldaten der Roten Armee zum Sturm auf die Hauptstadt motiviert. Kaum waren die ersten Vororte erobert, tauchten in deutscher Sprache ganz andere Tafeln auf: “Die Erfahrungen der Geschichte belegen es, daß die Hitlers kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleiben bestehen”. Gemäß dieses Stalin-Spruchs agierte Nikolai Besarin, der erste sowjetische Stadtkommandant von Berlin, dessen Leben das Museum Karlshorst jetzt eine Ausstellung widmet. Im Garten des Museums stehen noch die Stalinorgeln.  Ein stilechter Ort um an einen Rotarmisten Besarins  zu erinnern, der sogar konservative Kreise Berlins für sich zu gewinnen verstand.

Denn er agierte so ganz anders als die bis heute nicht nur in den Köpfen mancher Wilmersdorfer Witwen spukenden NS-Greuelpropaganda glauben machen wollte. Besarins erste Maßnahmen zielten darauf ab,  zunächst provisorisch das zivile Leben im zerstörten Berlin zu organisieren. Innerhalb weniger Wochen wurden Strom- und Wasserleitungen sowie Straßenbahnlinien repariert. Selbst um die Einrichtung von Waschanstalten, die laut Verordnung pro Stadtteil “eine Tagesleistung von 15 Tonnen Trockenwäsche” bewältigen mußten, kümmerte sich der Stadtkommandant persönlich.                        

Neben den materiellen Dinge lag Besarin der politische und kulturelle Neuanfang  am Herzen.  Schon im Sommer 1945 regte er die Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde in Berlin an. Zur Mitarbeit in kommunalen  Gremien wurden  alle  eingeladen, die nicht direkt an NS-Verbrechen verwickelt waren. Auch Nazigünstlinge wie der Mediziner Ferdinand Sauerbruch und der Schauspieler Heinz Rühmann  wurden hofiert . Und daß in einer Zeit, als die gerade befreiten osteuropäischen Zwangsarbeiter ausgemergelt durch die Berliner Ruinenlandschaft irrten und sowjetische Soldaten noch immer Orte der Nazi-Verbrechen entdeckten.

Der deutschnationale evangelische Bischof von Berlin und Brandenburg Otto Dibelius war über Besarins Toleranz erstaunt: “Es überrascht mich fast ebenso, wie es die Berliner Schulräte überraschte, als sie zur Meldung befohlen wurden und aus seinen Munde hörte: Vor allen will ich, daß ihr die Kinder in Ehrfurcht vor Gott erzielt.”

Das sagte ein Mann, dessen Karriere eng mit der Oktoberrevolution verbunden ist. Seine Kindheit war von Armut Elend und geringer Schulbildung geprägt. Schon mit 14 Jahren mußte er mit schwerer Arbeit für  seine Geschwister sorgen, nachdem innerhalb eines Jahres beide Elternteile gestorben waren.          

In der Roten Armee machte der junge Besarin schnell Karriere und schuf sich dort Freunde, die ihn auch in der Zeit der stalinistischen Säuberungen unterstützten. “Besarin kenne ich aus der Zeit von 1924 bis 1927 nur von der besten Seite”; schrieb der Chef der Politverwaltung seines Militärbezirks. Doch auch denunziatorische Briefe sind ausgestellt. “Ich habe von Besarin den Eindruck eines Speichelleckers und eines Menschen, der an den Handlungen der Volksfeinde nicht unbeteiligt ist; schrieb ein Oberst I.                 

Nur wenig erfahren wir in der Ausstellung über das Privatleben des Nikolai Besarin. Auf einen Urlaubsfoto läßt sich der Armee in Uniform mit erhobener Hand auf einen Felsen fotografieren und ironisiert so die Pose der Lenindenkmäler.

        Am 16. Juni 1945 verunglückte Besarin bei seiner obligatorischen Motorradtour in Friedrichsfelde. Bei seiner Beerdigung war noch die Bevölkerung ganz Berlins auf den Beinen. Doch bald schon wurde er in die Kalte-Kriegs-Klischees gepreßt. Nach 1990 wurde er aus der Ehrenbürgerliste Berlins gestrichen, die nach seinen Namen genannten Schulen und Straßen Ostberlins wurden umbenannt. Auf der letzten Tafel der Ausstellung ist diese Debatte dokumentiert. “Wir bitten Sie die Streichung des Namens Nikolai E. Besarin aus der Ehrenbürgerliste rückgängig zu machen;” schrieben russische Kriegsveteranen vergeblich an den Regierenden Bürgermeister von Berlin. Gerade noch ein kleiner Platz in Friedrichshain erinnert heute an den Stadtkommandanten, der sich so stark für einen demokratischen Neuanfang in Deutschland einsetzte.            

Peter Nowak

Museum Karlshorst, Zwiseler Straße 4, Di-So 11- 18 Uhr, noch bis 21.11.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]