Tageszeitung, 2.12.99 Neue Argumente für den Atomausstieg

    BUND räumt in einer neuen Studie mit der Legende von der Sicherheit der deutschen AKW auf

Seit Monaten ist er in allen Medien ein Dauerthema, der geplante Ausstieg aus der Atomwirtschaft. Doch nach Meinung des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) werde die Debatte überwiegend von wirtschaftlichen Aspekten bestimmt. "Es ist der Atomwirtschaft gelungen, den Ausstieg als absurdes, rein ideologisch motiviertes Vorhaben darzustellen, das mit ‘Kapitalvernichtung’, also mit hohen Unkosten verbunden ist. Mit einer am Mittwochvormittag auf der Bundespressekonferenz vorgestellten Studie will der BUND die ökologischen Aspekte der Atomwirtschaft wieder stärker in den Vordergrund der Diskussion stellen. An Hand von fünf Fallstudien widerlegen die Verfasser Dr. Helmut Hirsch und Oda Becker die Behauptung von der Sicherheit der deutschen AKWs. Das Expertenduo hat sich die Atomkraftwerke Biblis, Krümmel und Stade sowie die Siedewasserreaktoren der Baulinie ’69 als Untersuchungsobjekte vorgenommen. Biblis müsse nach § 19 des Atomgesetzes wegen von der Aufsichtsbehörde nach einer Beinahe-Katastrofe festgestellten schwerwiegenden Mängel und der fehlenden Erdbebensicherheit sofort abgeschaltet werden, lautete das Fazit von Beamten des seinerseits von den grünen geführten hessischen Umweltministeriums, die nun auch im Bundesumweltministerium (BMU) mit der Angelegenheit befaßt sind. "Es ist daher unverständlich, dass das BMU die Hessische Landesregierung nicht schon längst angewiesen hat, Biblis A stillzulegen"; heißt es in der Studie.

Auch in die seit über einen Jahrzehnt laufenden Diskussion um die Häufung von Leukämieerkrankungen in der Umgebung des AKW Krümmel setzt die Studie neue Akzente. So können Crud genannte große, radioaktive Partikel aus dem Kühlwasser des Reaktors in die Abluft des Maschinenhauses gelangt sein. Schon ein einzelnes dieser Crud-Teilchen kann bei einem Kleinkind zu Strahlenbelastungen führen, die Leukämie hervorrufen. Das älteste deutsche AKW Obrigheim wird in seiner Bauart und Sicherheitsproblematik mit Reaktoren sowjetischer Bauart in Osteuropa verglichen. Die Studie richtet ihr Augenmerk darauf, dass die Notkühlsysteme einen Bruch der Hauptkühlleitung nicht beherrschen. Einwände von Fachbeamten im Baden-Württembergischen Umweltministerium seien einfach übergangen worden. Beim zweitältesten AKW Stade weisen besonders die Schweißnähte an einer kritischen Stelle des Reaktordruckbehälters altersbedingte Versprödungsprobleme auf. Die Siedewasserreaktoren der Baulinie ’69, die noch in Brunsbüttel, Isar-1, Phillipsburg-1 und Krümmel in Betrieb sind, erfüllen nach Recherchen der Studie keine der in der Atomgesetznovelle von 1994 erforderten Sicherheitskriterien bei der Beherrschung von Kernschmelzfällen.

"Das Risiko eines Unfalls in deutschen AKWs ist keine nur hypothetische Möglichkeit"; lautet das von Helmut Hirsch aus seiner Studie gezogene Resümee, die erklärtermassen den BefürworterInnen des Atomausstiegs rationale Argumente in die Hand geben will.

Peter Nowak

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