TELEPOLIS22.12.2001 Musik provokativ

Peter Nowak


Ein Schulbuch wurde eingestampft, weil es subversive bayerische
Folkore enthielt

In Bayern sind sie schon Kult, die [1]Biermösl Blosn. Seit 1976
präsentieren die Brüder Christoph, Hand und Michael Well "bayerische
Folklore und Dialekt auf subversive Art" so die Bandbeschreibung. Für
die CSU-Landesregierung, die beim Begriff "subversiv" schnell an
Terrorismus denkt, ist die Band seit Jahrzehnten ein rotes Tuch. So
[2]verweigerte der CSU-dominierte Bezirkstag von Oberbayern 1997 die
Überreichung eines Kunstpreises an die subversiven Künstler. Jetzt
haben die bayerischen Kultursubversiven wieder Probleme mit den frechen
Kabarettisten.

Ein bereits fertiges Schulbuch für den Musikunterricht für die 8
Klassen der Hauptschule wurde vom bayerischen Kultusministerium wieder
eingestampft. Der Grund: In dem Buch war unter der Rubrik "Musik
provoziert" das [3]BayWa-Lied der Blosn enthalten. Zum Refrain der
Bayernhymne "Gott mit dir, Du Land der Bayern, deutsche Erde,
Vaterland" heißt es bei den Kabarettisten im Refrain:

"Gott mit dir, du Land der Baywa,
deutscher Dünger aus Phosphat.
er deinen weiten Fluren liegt Chemie von fruah bis spaat.
Und so wachsen deine Rüben, so ernährest du die Sau.
Herrgott, bleib dahoam im Himmi, mir hom Nitrophoskablau."

Der Bauernverband und die konservative Presse liefen schon bei der
Entstehung vor 20 Jahren Sturm gegen das Lied. Doch der Protest machte
die Band so richtig [4]bekannt. Obwohl das Lied mittlerweile in allen
Schichten und Altersgruppen sehr beliebt ist, ist es für die CSU-Oberen
auch im Jahr 2001 so starker Tobak, dass sie die neuen Schulbücher
sofort zurückzog.

Die bayerische SPD-Fraktion [5]brachte die Angelegenheit vor den
Landtag in München. Der bayerische SPD-Fraktionschef Franz Maget
vermisste bei den regierenden Christsozialen jegliche Souveränität im
Umgang mit kritischer Kultur. Ihm gehe jedes Verständnis dafür ab, dass
ein so populäres, seit 20 Jahren in ganz Bayern bekanntes Lied
bayerischen Schülern vorenthalten wird, erklärte der
sozialdemokratische Landespolitiker.

Kulturstaatssekretär Karl Freller (CSU) hingegen verteidigte das
Einstampfen der Schulbücher. Das Lied "Gott mit dir, du Land der BayWa"
sei eine Verballhornung des Bayernlieds, "um die Firma [6]BayWa und den
Einsatz von chemischen Düngemitteln in der bayerischen Landwirtschaft
zu kritisieren". So etwas sei für den Gebrauch im Unterricht
ungeeignet. In ein bayerisches Schulbuch werde nun einmal nur
aufgenommen, was Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen sollen.
"Das 'BayWa-Lied' gehört nicht dazu", so Freller.

Womöglich müssen die Zensoren noch einmal aktiv werden. Denn auch in
den neuen Liederbüchern findet sich im Inhaltsverzeichnis auf Seite 71
den Titel:

"Gott mit dir, du Land der BayWa." Doch unter der angegebenen Seite
ist jetzt das Lied "TV-Glotzer" von Nina Hagen zu finden. Das
provoziert zu weiteren Fragen. Ob die bayerischen Kulturwächter die
[7]Homepage der Künstlerin angesehen haben, wo sie sich als 'Mother of
Punk' vorstellt? Ob die von Hagen favorisierten [8]fernöstlichen
Religionspraktiken nach dem Geschmack braver Christen sind?

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