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TELEPOLIS18.10.2001Keine Beweise für internationalen Schwarzen Block
Peter Nowak Während in Genua die letzten Globalisierungsgegner freigelassen wurden, müssen die prügelnden Polizisten demnächst mit einer Anklage rechnen
Seit den Anschlägen in den USA sind die Globalisierungsgegner aus den Medien verschwunden, in denen sie seit Göteborg und Genua mehrere Monate unangefochten an erster Stelle standen. Auch die Berichte über Folterungen und die nachfolgende Diskussion über die massiven Einschränkungen der demokratischen Rechte scheinen wieder verstummt. Dabei hätte es gerade in den letzten Wochen durchaus weiterhin genügend Anlässe für kritische Nachfragen gegeben.
Mittlerweile wurden alle inhaftierten Globalisierungsgegner aus der Haft entlassen. Drei befinden sich weiterhin unter Hausarrest und müssen mit Strafprozessen rechnen. Die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweise für die Mitglied der Beschuldigten im sogenannten "Schwarzen Block" erwiesen sich als nicht stichhaltig. So soll der in Berlin lebende Victor A. den Stempel einer während der Proteste verwüsteten Bank bei sich getragen haben. Als ein Mitgefangener bezeugte, diesen Stempel nach den Protesten auf der Strasse gefunden und Victor A. später gegeben zu haben, wurde das Beweismittel für die Anklage wertlos. Mittlerweile wurde auch bekannt [0], dass die Polizei die Eltern von Jugendlichen aufsucht, die in Genua an den Protesten teilgenommen haben.
Nach Einschätzung von Juristen und Menschenrechtsgruppen sind die meisten Festnahmen in einer Situation des absoluten Ausnahmezustands ohne ausreichende Beweise erfolgt und hatten von Anfang an keine gesetzliche Grundlage. Die italienische Regierung brauchte unmittelbar nach den von heftiger internationaler Kritik begleiteten Polizeieinsätzen während des G8-Treffens offenbar Sündenböcke. Mit der Freilassung der Beschuldigten ist das ominöse Konstrukt vom internationalen Schwarzen Block zusammengebrochen, doch nach mehr als zwei Monaten und den Ereignissen am 11. September in den USA hat das öffentliche Interesse spürbar nachgelassen. Außerdem versucht die italienische Regierung weiterhin prominente Sprecher der Protestbewegung strafrechtlich zu verfolgen. So wurde gegen den Sprecher der Tute Bianchi Luca Casarini im Zusammenhang mit den Protesten in Genua Anzeige wegen Anstifung zu Verbrechen und Aufruf zur Gewalt gestellt.
Mittlerweile haben eine grosse Zahl, der von den Polizeiübergriffen Betroffenen aus ganz Europa Anzeigen wegen Körperverletzung und Nötigung erstattet. Wegen des grosses internationalen Interesses an dieser Angelegenheit wird in den nächsten Monaten mit Anklagen gegen einige Polizisten gerechnet. Ob der für den Tod des Demonstranten Carlo Giuliani verantwortliche Polizist mit einer Anklage rechnen muss, ist noch immer offen. Führende Politiker der italienischen Rechtskoalition haben sich hinter den Schützen gestellt und ihm ohne juristische Prüfung Notwehr bescheinigt.
Auch die Polizisten, die am 16.Juni 2001 in Göteborg während des EU-Gipfels auf Demonstranten schossen, müssen nicht mit einer Anklage rechnen. Das Verfahren wurde Ende September vom schwedischen Oberstaatsanwalt eingestellt. Dem durch die Schüsse schwerverletzten Schweden Hannes Westberg hingegen droht eine Haftstrafe wegen Beteiligung an gewalttätigen Ausschreitungen. Das Verfahren gegen ihn wurde am gleichen Tag eingeleitet, an dem das Verfahren gegen die Polizisten eingestellt wurde. Bisher sind in Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Göteborg gegen 29 Menschen Haftstrafen von sechs Monaten bis zu 4 Jahren verhängt worden. Die Beweislage war oft äußerst dürftig. So will ein Polizist vermummte Steinewerfer mehrere Stunden später als friedliche Demonstranten wieder erkannt haben ( Urteil nach Volkes Stimme in Göteborg [1]) . Im Fall des Berliner Gewerkschafters Hannes Heine glaubte selbst die Anklage seinen Aussagen nicht. Heine wurde kürzlich im Revisionsverfahren freigesprochen, nachdem er zunächst zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. |