junge Welt25.01.2001
Warum sitzt Leonard Peltier immer noch im Gefängnis?
jW sprach mit Martin Ludwig Hofmann, Autor des Buches »Indian War -
Der Fall des indianischen Bürgerrechtlers Leonard Peltier«
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(Der Aktivist der indigenen Bewegung in den USA sitzt seit 1976 im
Bundesgefängnis Leavenworth, verurteilt zu zweimal lebenslänglich; das
Buch des Soziologen Hofmann ist 2000 im Atlantik-Verlag erschienen)

F: Der US-amerikanische Bürgerrechtler Leonard Peltier stand auf der
Begnadigungsliste von Präsident Clinton. Unterstützer aus aller Welt
haben auf die Begnadigung gehofft. Doch er gehörte nicht zu den
Freigelassenen. Warum?

Wahrscheinlich war am Ende der Einfuß des FBI einfach größer. FBI-Boß
Louis Freeh schrieb ja vor einigen Wochen an Clinton, daß es innerhalb
des FBI kein Thema gebe, das mehr Aufmerksamkeit genieße. Und kurz vor
Weihnachten demonstrierten Hunderte FBI-Angestellte vor dem Weißen
Haus. Das FBI ist eine Machtbastion in Washington. So etwas hinterläßt
Eindruck. Und dennoch: Clinton hätte Recht über Lobbyismus stellen
müssen.

F: In Ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch »Indian War - Der
Fall des indianischen Bürgerrechtlers Leonard Peltier« kritisieren Sie
Peltiers Verurteilung als nicht mit rechtsstaatlichen Grundsätzen
vereinbar. Was ist Ihre Hauptkritik?

Ganz einfach: Es gibt bis heute keinen Beweis für seine Schuld. Nehmen
Sie zum Beispiel die angebliche Augenzeugin. Eine junge Indianerin
hatte eidesstattlich zu Protokoll gegeben, daß sie gesehen hätte, wie
Peltier die beiden FBI-Agenten erschossen habe. Noch während Peltiers
Gerichtsverhandlung widerrief sie diese Aussage und erhob gleichzeitig
schwere Vorwürfe gegen das FBI. Agenten hätten sie mit Drohungen zu
dieser Falschaussage gezwungen. Oder nehmen Sie die vermeintliche
Tatwaffe. Der Ankläger vor Gericht nannte sie das »vielleicht
wichtigste Beweismittel«. Jahre später mußten wir erfahren, daß das
FBI schon vor Prozeßbeginn gewußt hatte, daß Peltiers Gewehr nicht die
Tatwaffe war. Es ist einfach haarsträubend. Deshalb fordere ich nichts
weiter als »Im Zweifel für den Angeklagten«.

F: Spielen bei der Art des Prozesses und dem Urteil rassistische
Gründe eine Rolle?

Es sieht schon danach aus. Zunächst war ja gegen vier Bürgerrechtler
Mordanklage erhoben worden. Zwei Mitstreiter Peltiers wurden in einem
anderen Bundesstaat aufgrund der gleichen Beweislage freigesprochen.
Gegen den dritten wurde nicht einmal ein Prozeß eröffnet. Und Peltier
hatte das Pech, in Nord-Dakota vor Gericht gestellt zu werden.

F: Leonard Peltier war Aktivist des American Indian Movement (AIM) und
trat für die Rechte der indigenen Menschen in den USA ein. Hat sich
deren Situation in den letzten Jahren verbessert, und was ist von der
neuen US- Regierung in dieser Hinsicht zu erwarten?

Es gab Verbesserungen, vereinzelt. Manche Aktionen des AIM zeigten
eine späte Wirkung. Im Herbst letzten Jahres entschuldigte sich die
US-Regierung erstmals offiziell bei der indigenen Urbevölkerung für
die Vertreibung und Mißhandlung der letzten Jahrhunderte. Was von Bush
zu erwarten ist, hat er ja in Texas vorexerziert. Besser wird's also
bestimmt nicht.

F: Welche Chancen hat Peltier jetzt noch auf eine Freilassung, nachdem
Clinton ihn nicht begnadigt hat?

In den nächsten vier Jahren hat Peltier kaum eine Chance. Es wäre
blauäugig, wenn man auf Bushs Gnade hoffen würde. Er steht doch gerade
für die gesellschaftlichen Gruppen, die Peltier hinter Gittern sehen
wollen: das konservative weiße Establishment, die
»Law-and-Order«-Fraktionen, christliche Fundamentalisten etc.

Interview: Peter Nowak

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