jungen Welt vom 25.10.2001 Law-and-Order-Politiker setzen auf Gesichtskontrolle
Mit der Biometrie scheint der »gläserne Mensch« Realität zu werden
Peter Nowak

Es war eine Premiere der besonderen Art, die sich Ende Januar 2001 während der Austragung des »Super Bowl« in der Stadt Tampa im US-Staat Florida abspielte. Doch es ging dabei nicht um den sportlichen Wettkampf. Vielmehr kam am Eingang des Footballstadions erstmals die neue Gesichtserkennungssoftware der US-Firma Visage Technologies zum Einsatz. Die etwa 75000 Zuschauer wurden beim Eintritt gefilmt, ihre Fotos mit Fahndungskarteien verglichen. Nach Spielende fing die Polizei 19 Besucher ab, die aufgrund von Bagatelldelikten gesucht wurden. Das Beispiel von Tampa könnte bald Schule machen. Neue wissenschaftliche Fahndungsmethoden machen es möglich, das viel strapazierte Bild vom gläsernen Menschen Wirklichkeit werden zu lassen.

Schon seit über 100 Jahren kennen wir den Fingerabdruck als die bislang sicherste Identifikationsmethode für Menschen. Doch die könnte bald ebenso altmodisch werden wie eine Schreibmaschine im Computerzeitalter. Seit mehreren Jahren werden mittels DNA-Analyse die Gene zur Personenerkennung herangezogen, und jetzt kann man eine Person auch anhand von Gesichtszügen, Lippenschwingungen, Körperbewegungen und der Form der Augenlider identifizieren. Im Unterschied zur DNA-Analyse merken die Betroffenen gar nicht mehr, daß sie im Visier von Fahndern sind. Mit Hilfe der neuen technischen Verfahren können innerhalb weniger Minuten – siehe Tampa – Zigtausende erfaßt werden.

Schon längst haben Law-and-Order-Politiker wie auch Sicherheitsdienste die Möglichkeiten dieser biometrischen Methoden entdeckt und bringen sie zur Anwendung. Dabei werden sie von ängstlichen Bürgern unterstützt. So wurde im Londoner Stadtteil Newham ein Überwachungssystem auf biometrischer Grundlage eingeführt, nachdem sich in einer Abstimmung 93 Prozent der Bewohner dafür ausgesprochen hatten. Nach den Anschlägen in den USA ist das Sicherheitsbedürfnis enorm gewachsen, was Politiker wie Otto Schily konsequent für ihr Ziel der Ausweitung der Verfolgungsmöglichkeiten gegenüber bestimmten Personenkreisen ausnutzen. Und die entsprechenden Branchen der Wirtschaft reiben sich schon die Hände: »Jetzt, da die Sicherheitsanforderungen gestiegen sind und Regierungen und Unternehmen über zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Bürger, ihrer Einrichtungen und ihrer Daten nachdenken, kommen Anbieter biometrischer Verfahren zur Verifikation oder Identifikation von Personen gut ins Geschäft«, ist in der Frankfurter Rundschau zu lesen.

Die ersten, die in Deutschland ins Visier der neuen Fahndungsmethoden kommen, sind Migranten und Linke, befürchten Kritiker. So hat das Ausländeramt Trier bereits mit der neuen Technik experimentiert. Auch Teilnehmer von Demonstrationen und anderen Protesten müssen mit verstärktem Verfolgungsdruck rechnen. Denn von einfachen Vermummungsmethoden wie Sonnenbrillen, Tüchern oder angeklebten Schnurrbärten läßt sich die moderne Technik nicht überlisten. Eine große Protestbewegung gegen die Einführung biometrischer Parameter in Personaldokumente ist indes kaum zu erwarten. Selbst Datenschützer halten die Biometrie für ein »sicheres Verfahren«. Fragt sich nur, für wen.

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