|
Frankfurter Rundschau vom 3.02.2001Exitus fürs Ex
Das verlängerte Wohnzimmer der Autonomen schließt
Von Peter Nowak
Am Mittwoch waren sie alle noch einmal gekommen. Neben der aussterbenden Spezies der ganz in schwarz gekleideten Autonomen standen Jugendliche in Hiphop-Hosen. Selbst Anzugträger waren erschienen. Noch einmal nippten sie am meist schlecht gezapften Bier oder bestellten Milchkaffee und beschwerten sich nicht, wenn er wieder nur lauwarm war. Denn das "Ex" im Projektezentrum Mehringhof, das am 31. Januar endgültig schloss, war mehr als nur eine Kneipe. Vielmehr ein Relikt der wilden Westberliner Bewegungszeit. Eine Institution.
Niemand aus der Generation der Gründer hätte es 1980 eingedenk der damaligen No-Future-Stimmung für möglich gehalten, dass die ursprünglich "Specki" genannte Kneipe über zwei Jahrzehnte hinweg Höhepunkte und Flauten der verschiedenen politischen Bewegungen Berlins überdauern würde. Damals, in den Tagen der Hausbesetzungen und Revolten, suchte die Szene lediglich einen Platz, wo man sich nach den damals fast täglichen Demonstrationen bei Bier und Manöverkritik erholen konnte.
Gäste und Wirte, gleichermaßen politisiert, folgten der Stimme ihrer Herzen. Das erste Kneipenkollektiv setzte sich in den frühen 80er Jahren ins sandinistische Nicaragua ab. Etliche Polit-Gastronomen suchten in asiatischen Gefilden ihr Seelenheil. Andere tauchten in die Revolutionären Zellen ab. An Nachwuchs hinter der Theke mangelte es nie. Immer fanden sich Engagierte, die durch ehrenamtliche Tresenschichten die mittlerweile in "Ex" umbenannte Kneipe am Laufen hielten.
Immer war die politische Haltung wichtiger als die Kenntnis des Bierzapfens. Seit zwei Jahren zeichnete für das Kneipenprojekt ein Potpourri von über 20 Gruppen verantwortlich. Neben unterschiedlichen politischen Initiativen und studentischen Fachschaften fanden sich auch Freundeskreise mit eigenwilligen Namen wie CD-ROM oder Trio zusammen.
Spötter titulierten das "Ex" schon früh als verlängertes Wohnzimmer von Berlins autonomen Linken. Dieses Image verlor die geräumige Alternativ-Tränke nie, auch wenn in den vergangenen Jahren eher von einem "Szene-Museum" die Rede hätte sein müssen, in dem der Politaktivismus der 80er Jahre irgendwie die Postmoderne überleben konnte. Plakate und Flugblätter pflasterten sämtliche Türen und Wände und forderten zum Protest gegen Atommülltransporte oder zur Teilnahme an der nächsten Antifa-Demo auf. Auf einer großen Wandtafel aktualisierten Wirtsleute und Aktivisten mit Kreide alle angesagten Polit-Termine.
Hier konnten auch die Kids der 80er und 90er noch eine abendliche Prise Rebellion zu sich nehmen. Nirgends sonst, so schien es, hatten sich die liebenswerten bis skurrilen Eigenheiten der Kreuzberger Politszene bis zum Schluss so konserviert wie im "Ex". Ermüdungserscheinungen zugestanden.
Hatten sich vor Jahren an den runden Holztischen noch die Politveteranen ihre Köpfe über die richtige Linie im Klassenkampf heiß geredet, ging es in den ausklingenden Neunzigern doch mehr um die Einhaltung von szeneinternen Benimmregeln. "Ist es politisch korrekt, dass Demonstranten auf der Anti-Castor-Demo in Schlafsäcken schlafen?" "Soll ein Mann Kneipenverbot bekommen, weil er Pornos besitzt?" Dies waren prinzipielle Fragen, die in den letzten Monaten auf der Tagesordnung standen.
Die Zahl der Idealisten, die noch bereit war, sich in stundenlangen Plenen mit solch fundamentalen Themen zu beschäftigen, schrumpfte stetig. Verzweifelte Aufrufe an die Szene zur Rettung des "Ex" blieben ohne Resonanz. Auch finanziell rutschte das von Anfang an defizitäre Projekt immer mehr in die roten Zahlen. "Selbstbedienung", so lauteten die massiver werdenden Vorwürfe gegen die zahlreichen Betreiber-Kollektive.
Die seien selbst ihre besten Kunden gewesen, behaupteten andere. Der Exitus der Szenekneipe war denn auch kein Anlass zu wirklich großen Sentimentalitäten. Zuletzt fiel sogar die lange vorbereitete ultimative Abschiedsparty aus.
Ex. Ruhe in Frieden. |