jungen Welt vom 29.11.2001»Wir sind alle Afghanen«
Von grünen Spontis bis zu den Neonazis reichte vor 20 Jahren das Bündnis für die Gotteskrieger
Peter Nowak

Wochenlang hat er in den »Tagesthemen« den deutschen Zuschauern die Ereignisse in Afghanistan erklärt. »Unser Mann in Afghanistan« Christoph Hörstel wollte eigentlich kein Reporter sein, wie die FAZ zu berichten weiß. »Über den Afghanistan-Kenner und heutigen Burda-Vorstand Jürgen Todenhöfer trat er 1985 in Kontakt mit dem Mudschahedin-Führer Hekmatyar, der damals die größte Widerstandsgruppe gegen die sowjetische Besatzung leitete, und gewann sein Vertrauen«, ließ die Zeitung für Deutschland noch einmal die Zeiten aufleben, als sich in der BRD von ganz links bis ganz rechts alle in »Solidarität mit Afghanistan« geradezu überschlugen. Das Land am Hindukusch avancierte zum Solidaritätsobjekt Nummer eins, als die damalige linke afghanische Regierung die Sowjetarmee ins Land rief, weil der Terror der mit westlichen Waffen ausgestatteten Gotteskrieger immer größere Ausmaße angenommen hatte. Lehrer wurden grausam ermordet, unverschleierte Frauen gesteinigt. Häufiges Ziel der Terroristen waren Schulen und Gesundheitsstationen. All die Terrormaßnahmen, die die Presse bei den Taliban in den letzten Wochen entdeckte, wurden zu Beginn der 80er Jahre durchgeführt. Viele Grüne waren schon damals der Ansicht, daß »Waffen für Afghanistan« die richtige Antwort wären. Doch nicht etwa für die Linksregierung in Kabul, die die Rechte der Frauen und der Bauern verteidigte, sondern für die Terrorbanden.

Beim Besuch einer grünen Delegation bei den afghanischen Kontras posierten die damaligen Bundestagsabgeordneten Milan Horacek und Uli Fischer auf erbeuteten sowjetischen Panzern. So spinnefeind sich die grünen Flügel zu dieser Zeit waren, die Forderung »Russen raus aus Afghanistan« war in der Partei Konsens. Da nahm man auch Bündnispartner in Kauf, zu denen man in den Anfangsjahren der Ökopartei sonst gerne auf Distanz blieb. Beispielsweise die US-Regierungen von Carter bis Reagan, die durch massive Bewaffnung der afghanischen Kontras Moskau eine entscheidende Niederlage beibringen wollten, was ihnen schließlich auch gelang.

Für Aufsehen sorgte seinerzeit der Besuch des CDU-Rechtsaußen Jürgen Todenhöfer in den von den Kontras besetzten Gebieten. Auch der Rechtsaußenpublizist Gerhard Löwenthal hatte Afghanistan als Agitationsthema Nummer eins entdeckt. Selbst Neonazis waren willkommen. So brachte anläßlich des Besuchs des damaligen sowjetischen Generalsekretärs Leonid Breshnew in Bonn eine Volksfront der besonderen Art über 30000 Menschen auf die Straße. An der Spitze der von CDU und FDP organisierten Demonstration marschierten Norbert Blüm, Heiner Geißler und Jürgen Möllemann. In der Mitte der Demonstration befand sich ein Block von mehreren 100 Neonazis. Die Basis der Grünen mobilisierte gemeinsam mit den in Auflösung befindlichen maoistischen Grüppchen etwa 10000 Menschen zu dem Protest. Federführend war der Pflasterstrand, das publizistische Organ der Frankfurter Spontis um Joseph Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Doch es blieb nicht beim Protest. Der ehemalige Bundeswehroffizier Erich Kothny betrieb auf afghanischem Kontragebiet einen Radiosender, und die Deutsche Welle strahlte ein eigenes afghanisches Programm aus.

20 Jahre später kann Deutschland seinen ehemaligen Bündnispartnern ganz anders unter die Arme greifen. Die Krieg-ablehnende PDS muß sich in allen Bundestagsdebatten hauptsächlich von grünen Mandatsträgern die Unterstützung der SED für die afghanischen Kommunisten vorwerfen lassen. Die PDS-Führung aber hat nichts Besseres zu tun, als diese damalige Haltung als großen Fehler, ja als Verbrechen zu klassifizieren und sich dafür zu entschuldigen. So, als wollte sie noch nachträglich in die Gemeinschaft der Mudschahedin-Freunde eingemeindet werden.

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