Freitag 30 Mar 2001 Kein Wendland im Osten   
Peter Nowak
 

RHEINSBERG Obwohl der Transport von vier Castoren den Rückbau des AKW
abschließt, regt sich in Teilen der Anti-AKW-Bewegung Widerstand

Dienstagabend im Wendland, Dunkelheit, Nieselregen. Auf dem Weg von
Hitzacker über Dannenberg nach Gorleben gibt es keinen Waldweg und keinen Parkplatz,
der nicht von Polizeifahrzeugen besetzt wäre. Im Schein von Taschenlampen
stapfen Polizisten durch den Wald hinter dem Elbdeich. Auf der Straße grün-weiße
Fahrzeugkolonnen. 15.000 Polizisten begleiteten im Wendland den
Atomtransport. Ein Ordnungshüter kam auf jeden dritten Einwohner, vom Baby bis zum Greis.
Ähnliches ist in ein paar Wochen auch in Brandenburg zu erwarten.

Die Polizei werde mit allen Mitteln gegen Störungen der Castortransporte
vorgehen. Diese martialischen Töne des brandenburgischen Innenministers und
CDU-Rechten Jörg Schönbohm gelten nicht dem Castortransport ins niedersächsische
Wendland sondern dem Transport verbrauchter Brennstäbe aus dem stillgelegten
Kernkraftwerk Rheinsberg (Oberhavel) ins circa 100 Kilometer entfernte
Zwischenlager Greifswald/Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen dem 7. und dem
13. Mai sollen die vier Castoren rollen. Mit ihrem Abtransport soll das
weltweit größte AKW-Stillegungsprojekt abgeschlossen werden. 1966 ging Rheinsberg
als erstes DDR-AKW in Betrieb, 1990 wurde es aus Sicherheitsgründen
abgeschaltet.

Der geplante Castortransport im Osten hat bisher längst nicht so viel
Aufmerksamkeit erregt wie die Transporte nach Ahaus und Gorleben. Anders als im
Westen sind die Ostgrünen bisher auch nicht in Erklärungsnöte geraten. "Die
Entscheidung über die Zukunft der vier in Rheinsberg bereitgestellten Castoren
soll gemeinsam mit den anderen betroffenen Landesverbänden Berlin und
Mecklenburg-Vorpommern getroffen werden", heißt es lapidar in einer Presseerklärung
des Brandenburger Landesverbands von Bündnis 90/Die Grünen.

Größere Turbulenzen hat der geplante Castor-Transport bei der PDS ausgelöst.
Die Partei übt sich in dem Spagat, den Castortransport aus Rheinsberg zu
billigen ohne dass das Anti-AKW-Image, das sich die PDS mit ihrer Gegnerschaft
gegen den Castortransfer nach Gorleben zu geben versucht, angekratzt wird.
"Die Atomtransporte im Westen dienen dem Weiterbetrieb der Atomanlagen, während
die Kraftwerksanlagen in Rheinsberg rückgebaut werden. Insofern ist
Rheinsberg ein Sonderfall", sagt die PDS-Landtagsabgeordnete Dagmar Enkelmann. Auch
die verkehrspolitische Sprecherin der Brandenburger PDS, Anita Tack,
argumentiert mit "absolute Ausnahme". Anti-AKW-Initiativen sehen das ganz anders und
werfen der PDS vor, mit ihrer Haltung den Widerstand gegen die Castortransporte
insgesamt zu torpedieren. Jeder Transport sei ein Sicherheitsrisiko. Zudem
werde der irrtümliche Eindruck geschaffen, es gäbe eine Lösung für den Umgang
mit dem Atommüll, kritisierte Jochen Stay von der Kampagne X-tausendmal-quer
die PDS-Position.

Regionale Anti-AKW-Initiativen befürchten zudem, dass die Transporte aus
Rheinsberg eine Türöffnerfunktion haben könnten. Bei einem reibungslosen Ablauf
könnte Greifswald zu einer bundesweiten Atommülldeponie werden. Schließlich
sei das "Zwischenlager Nord" in Lubmin für 6.700 Tonnen schwach- und
mittelradioaktiven Atommüll ausgelegt.

Mit Sonntagsspaziergängen und sommerlichen Anti-AKW-Camps in der Region
versuchen die Initiatoren deshalb seit zwei Jahren, die Bevölkerung für die
Problematik der Castortransporte zu sensibilisieren - allerdings mit bescheidenem
Erfolg Denn während ein bundesweites Atommülllager in der Region äußerst
unpopulär ist, findet der Transport der Rheinsberg-Castoren große Unterstützung.
Schließlich hofft ein Großteil der Rheinsberger Einwohnerschaft mit dem
Abtransport der vier Castoren die strahlenden Altlasten endlich los zu sein, die
den Ausbau der Fontane-Stadt zum attraktiven Touristenstandort behindern. Die
Position der Anti-AKW-Initiativen, den Atommüll in Rheinsberg zu lagern,
stößt daher auf wenig Verständnis. Mit der alten Parole der Anti-AKW-Bewegung aus
Brokdorf, dass der Bauplatz zur grünen Wiese gemacht wird, kommt der
Rheinsberger Bürgermeister Manfred Richter besser an.

Unterstützung findet die schwache regionale Anti-AKW-Bewegung hingegen bei
Gleichgesinnten aus dem nahen Berlin. Die haben schon Proteste und Blockaden
angekündigt, sobald die vier Castoren Rheinsberg verlassen sollten.
 

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