Blick nach Rechts 11/01Wehrmachtsausstellung

Peter Nowak Die Schlammschlacht der extremen Rechten gegen die Wehrmachtsausstellung
    geht weiter.

    Es war eine der größten Propagandaerfolge der Rechtsextremisten in der
    Nachkriegszeit, als es ihnen im März 1997 in München gelungen war, mehr als
    5000 Menschen unter dem Motto "Unsere Väter waren keine Mörder" gegen die
    vom Hamburger Institut für Sozialforschung konzipierte Ausstellung
    "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" zu mobilisieren.
    Obwohl die NPD und ihre Jugendorganisation JN federführend an den Protesten
    beteiligt waren, wurde nicht nur das rechtsextreme Spektrum angesprochen.
    Selbst rechtskonservative Kreise gingen gegen die Ausstellung auf die Straße.
    Wie in München gab es in der Folgezeit in allen Städten, in denen die
    Ausstellung gezeigt werden sollte, Aktionen von rechts. Die beschränkten sich
    bald nicht mehr nur auf Mahnwachen und Demonstrationen. Mehrmals wurden
    die Ausstellungstafeln beschmiert und in Saarbrücken gab es einen
    Bombenanschlag auf das Gebäude, in dem die Schau gezeigt werden sollte.

    So war es nicht verwunderlich, dass die Neonazis die vorübergehende Absetzung
    der Ausstellung als großen Sieg feierten. Wenn der unmittelbare Anlass für den
    Rückzug der Exposition und die inhaltliche Neubearbeitung einige falsch
    zugeordnete Bilder gewesen sind, und eine Historikerkommission den
    Ausstellungsmachern wissenschaftlich-korrekte Arbeit bescheinigte, nahmen die
    Rechten für sich wohl nicht ohne Grund in Anspruch, mit zu dem Klima
    beigetragen zu haben, dass das vorläufige Ende der Ausstellung erzwungen
    habe. Das Nationale Infotelefon (NIT) Hamburg verkündete am 9.11.1999: "Doch
    das Scheitern der Ausstellung ist ein fulminanter Sieg der nationalen Opposition.
    Es ist nun eindeutig bewiesen, dass die deutsche Geschichte absichtlich
    verfälscht wird, um sie für politische Zwecke zu missbrauchen."

    Nachdem das Hamburger Institut ankündigte, dass die Überarbeitung der
    Ausstellung abgeschlossen ist und diese in verschiedenen Städten, unter
    anderem vom 28. November 2001 bis 13. Januar 2002 in Berlin gezeigt wird,
    schickt sich die rechte Szene an, die Kampagne gegen die Dokumentation
    fortzusetzen. Den Anfang machte die "Junge Freiheit" (JF) am 20. Juli mit einem
    Artikel unter der Überschrift "Die Schlammschlacht geht weiter". Zunächst
    bemängelt der Autor, dass der Widerstand gegen die Ausstellung noch zu
    schwach war. "Nur selten zeigte sich erbitterter Widerstand gegen eine
    diffamierende Hass-Show, wie sie nur in Deutschland möglich ist". Der Schreiber
    macht keinen Hehl über seine Wut angesichts der neuen Konzeption: "Viele
    glaubten damals, die Ankündigung sei nur eine Trotzreaktion, die Ausstellung sei
    erledigt und werde in die Versenkung des pathologischen Selbsthasses
    verschwinden. Doch leider ist dem nicht so". Mit Verweis auf den rechten
    Ausstellungskritiker Rüdiger Proske wird zugestanden, dass die neue Schau so
    gründlich überarbeitet worden ist, dass man wahrscheinlich keine sachlichen
    Fehler mehr finden wird. Die Schlussfolgerung der JF ist eindeutig: "Damit dürfte
    klar sein, dass die Schlammschlacht um die Deformation des deutschen
    Geschichtsbewusstseins ‘wissenschaftlich tadellos abgedichtet’ weitergehen
    wird. Denn auch der neue Titel der Ausstellung bedeutet eine pauschale
    Verunglimpfung der Wehrmachtssoldaten".

    Verwunderlich war es da nicht, dass bald die Stiefelnazis in Aktion traten. So
    marschierten am 11. September zehn Neonazis mit Reichskriegsflagge und
    wehrmachtsverherrlichenden Plakaten vor dem Bürgerhaus Vegesack in Bremen
    auf. Dort sollte Jan-Philipp Reemtsma über die neukonzipierte Ausstellung
    referieren. Wegen der Anschläge in den USA hatte er kurzfristig abgesagt. Die
    Neonazis kamen trotzdem. Am 1. Dezember will die NPD den Erfolg von
    München in Berlin wiederholen. Sie plant eine Demonstration gegen die
    Ausstellung und rechnet offiziell mit bis zu 3000 Teilnehmern. Die Route soll
    durch die Berliner Innenstadt gehen und auch an der Synagoge vorbeiführen. Als
    Redner sind der NPD-Vorsitzende Udo Voigt und Horst Mahler vorgesehen. Das
    Motto der Demonstration lautet "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht". Damit
    spielen die Rechten auf die Aussetzung der Ausstellung an. Bei der
    Demonstration ist wieder eine Zusammenarbeit mit den Freien Nationalisten um
    Christian Worch geplant. Das war auch bei den früheren Protesten gegen die
    Wehrmachtsausstellung so. Diese Kooperation hat sogar Eingang in das
    Beweismaterial gefunden, mit dem die Bundesregierung den NPD-Verbotsantrag
    begründet.

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