jungen Welt vom 16.10.2001 Eine Odyssee durch Berlin

Wem gehört Berlin? Wie Bewohner einer Wagenburg die »tolerante Hauptstadt« erleben Peter Nowak

Fast einen ländlichen Eindruck macht die Revaler Straße, wenn man sie vom S-Bahnhof Warschauer Straße kommend in Richtung Friedrichshain durchquert. Bäume nehmen einen großen Platz ein, und die unbebauten Flächen werden zahlreicher. Doch plötzlich findet man dort, wo man es gar nicht vermutet, bunte Transparente, die sich für den Erhalt von Wagenburgen in Berlin einsetzen, an einem Zaum befestigt. Kein Wunder, hat doch seit einigen Wochen die Wagenburg »Laster und Hänger« dort ihr Domizil. Der Platz ist zweigeteilt. Der Besucher muß zunächst ein Rasenstück überqueren, bevor er die tiefer liegende Wagenburg besuchen kann. Es herrscht eine ruhige Sonntagnachmittagsatmosphäre. In einigen Wagen läuft das Fernsehgerät, ein Musiker stimmt seine Gitarre, andere Bewohner werkeln am Wagen oder am Mofa. Typische Sonntagnachmittag-Beschäftigungen eben, wie sie auch in einer Reihenhaussiedlung in der Nähe stattfinden könnten. Warum auch nicht? »Der Unterschied zwischen uns und den Bewohnern von Reihenhäusern ist eben der, daß wir Räder unter unseren Häusern haben«, meint Klaus, der schon in vielen Wagenburgen in ganz Deutschland gelebt hat.

Doch gerade mit dieser einfachen Erkenntnis tun sich die Behörden und Politiker der verschiedenen Berliner Bezirke noch immer schwer. Davon können die Bewohner von »Laster und Hänger« wahrlich ein Lied singen. Seit fast einen Jahr ziehen sie von Stadtteil zu Stadtteil, ohne daß sie bisher einen längfristig nutzbaren Wagenplatz erhalten haben. Im November 2000 mußten sie ihren Platz in unmittelbarer Nähe vom Volkspark Friedrichshain räumen, den sie im Mai 1996 nach langen, vergeblichen Verhandlungen mit den zuständigen Behörden kurzerhand besetzt hatten. Ein Antrag der CDU, die Wagenburg sofort zu räumen, fand damals in der Bezirksverordnetenversammlung keine Mehrheit. Im Mai 1998 sprach der Bezirk sogar eine befristete Duldung aus. Doch als ein Investor auf dem Gelände eine Seniorenwohnanlage mit kleinen Läden errichten wollte, wurden die Wagenbewohner zur Räumung aufgefordert. Als sie dem nicht gleich nachkamen, wurden sie der Undankbarkeit bezichtigt. Schließlich hätte man sie doch toleriert.

Nach längeren Verhandlungen wurde dem von Wagenbewohnern gegründeten Verein »Menschen im Augenblick höchster Erregung e.V.« eine pachtgebundene finanzielle Unterstützung zugesagt, wenn der Platz geräumt wird. Doch ein neues Domizil war nicht in Sicht. »Alle Bezirksvertreter erklärten, es gäbe bei ihnen keine geeigneten Plätze«, schildert ein an den Verhandlungen Beteiligter die offizielle Reaktion. So blieb den Bewohnern nur eine neue Platzbesetzung übrig. Ausgesucht hatten sie sich ein Gelände in der Nähe des Gleimtunnels. Das Ambiente des Mauerparks müßte eigentlich dafür gut geeignet sein, dachten sich die Bewohner. Sie bekamen auch Zuspruch von der Nachbarschaft, die an einer solchen Belebung des Geländes interessiert war. Doch die Polizei spielte nicht mit. Wenige Stunden nach dem Bezug räumten zwei Hundertschaften der Polizei martialisch mit Tiefladern und Flutlicht ausgestattet den Platz. Die Wagen wurden vorübergehend beschlagnahmt. Doch die Bewohner ließen sich auch davon nicht entmutigen. Sie setzten ihre Öffentlichkeitskampagne fort. Mal luden sie zu Kaffee und Kuchen auf den Kollwitzplatz, mal stellten sie einen Modell-Bauwagen auf dem Alexanderplatz aus. Die Passanten sollten die Berührungsängste verlieren. Doch die Polizei war schneller und beschlagnahmte ihn. Auch die Vorweihnachtszeit nutzten die Bewohner für ihre Kampagne für ein tolerantes Berlin, das unterschiedliche Lebensformen zuläßt. Gerade das wird Berlin immer wieder zugeschrieben und dafür wird auch auf Hochglanzbroschüren zwecks Aufbesserung des Hauptstadtimages gerne geworben. Doch wer sich die Prospekte genauer ansieht, wird schnell merken, daß hier das Recht einer gut verdienenden Mittelschicht gemeint ist, einmal im Jahr auszuflippen. Das beste Beispiel hierfür ist die Love-Parade, bei der sogar Berlins damaliger Law-and-Order-Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) kurzfristig in der ersten Reihe tanzte.

Auch das schwullesbische Straßenfest, das alljährlich rund um den Nollendorfplatz im rot-grün dominierten Bezirk Tempelhof/Schöneberg zelebriert wird, hat schon längst mehr mit Imagewerbung für die Hauptstadt als mit den Ursprungsideen des Christopher-Street-Day zu tun, der an die Kämpfe von Schwulen und Lesben gegen Diskriminierung erinnern soll. Doch auch die Toleranz des alternativen oder linken Milieus ist schnell erschöpft, wenn es um Menschen geht, die unter anderen Lebensformen mehr als ein Event verstehen und dafür wenig oder kein Geld aufbringen wollen oder können.

So ist gerade Berlin für Wagenbewohner ein Inbegriff für Repression und Vertreibung. »Während die Stadt Tübingen einen Bildband mit der örtlichen Wagenburg finanziert und selbst manche CDU-regierten Städte Verträge mit Wagenbewohnern geschlossen haben, wird das Wohnen in Wagen in Berlin noch immer als ordnungspolitisches Problem gesehen«, kritisiert Dietmar Peters die harte Berliner Linie. Dabei berufen sich die Politiker auf ein Urteil des Berliner Oberverwaltungsgerichts von 1996, das das Wohnen in Wagen als mit dem Baurecht unvereinbar bezeichnete und die Wagenbewohner damit quasi illegalisierte. Vorerst können sich die Laster- und Hänger-Bewohner eine Verschnaufpause gönnen. Im Friedrichshain scheinen einige Bezirkspolitiker eine einvernehmliche Lösung mit den Bewohnern nicht mehr auszuschließen. Doch endgültig entschieden ist noch nichts. So muß noch offen bleiben, ob den Laster-und-Hänger-Bewohnern in der Revaler Straße mehr als eine Verschnaufpause in ihrer Odyssee durch die Bezirke im ach so toleranten Berlin vergönnt ist. Doch es bleibt dabei: Wenn »Toleranz für unterschiedliche Lebensformen« mehr meint als das alljährliche rituelles Ausflippen einer zahlungskräftigen Klientel, ist Berlin ein Negativbeispiel.

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