Frankfurter Rundschau vom 17.9.01 Den Verschwundenen eine Stimme geben
Der kolumbianische Exilant Erick Arellana unterstützt mit Filmen
Menschenrechtsorganisationen in seiner Heimat

Von Peter Nowak

Erick Arellana Bautista wirkt beklommen, wenn er an seine in wenigen Wochen
bevorstehende Reise in seine Heimat Kolumbien denkt. Das ist verständlich,
denn der 27-jährige Filmemacher fährt nicht auf Urlaub nach Hause. Er will mit
einer Genanalyse nachweisen, dass es sich bei der Leiche, die 1990 in einem
Plastiksack in einem Vorort von Bogotá gefunden wurde, um seine 1987 von
Paramilitärs entführte Mutter handelt. Nydia Erika Bautista war in den 80er Jahren
Mitglied der mittlerweile aufgelösten Guerillagruppe M-19. Auch ihr Sohn,
der sich schon als Jugendlicher in der Asfaddes , der Organisation der
Familienangehörigen der Verschwundenen engagierte, musste nach Morddrohungen 1997
Kolumbien verlassen und lebt seitdem im Berliner Exil.

Immer wieder reist er zurück in seine lateinamerikanische Heimat, obwohl er
dort sogar sein Leben riskiert. Im vergangenen Jahr drehte er sechs Wochen
unter dem Schutz von International Peace Brigades in Bogotá einen Film über das
Leben und die Arbeit der Asfaddes und ihren Kampf für die Bestrafung
staatlicher Mörder.

Doch Arellana zeigt die Menschen nicht nur als Opfer staatlicher Gewalt,
sondern auch als Kämpfer für eine andere Gesellschaft. So beginnt der Film mit
der Rekonstruktion der spektakulären Besetzung des Justizpalastes von Bogotá
durch die Guerillabewegung M-19 im Jahr 1985. Das Militär setzte damals das
Gebäude in Brand. Dabei starben 105 Personen, 15 sind bis heute spurlos
verschwunden. Der Film heißt N.N., ohne Name, wie Gräber mit unbekannten Personen
genannt werden.

"Das Verschwindenlassen löscht die Geschichte jedes einzelnen Menschen aus.
Die Angehörigen haben nicht einmal ein Grab zum trauern", weiß Arellana aus
eigener Erfahrung. Deshalb setzte er im Exil seine Unterstützungsarbeit für
die bedrängten kolumbianischen Menschenrechtler fort. Gemeinsam mit dem
Landsmann und Kollegen Pedro Compay gründete er die Gruppe Iska (Internationale
Solidarität und Kulturaustausch Kassel/Berlin). Die erste Begegnung der beiden
schildert Arellana im Rückblick so: "Wir lernten uns auf der Documenta in
Kassel kennen, konnten wenig Deutsch und begannen uns über das andere Kolumbien,
jenseits der Stereotypen Fußball, Guerilla, Mafia auszutauschen." Sie begannen
sogleich mit ihren Unterstützungsprojekten.

Bei dem "Stadtplan der Erinnerung" sollen in Kolumbien bisher nummerierte
Straßennamen im Zentrum von Bogotá nach den Verschwundenen benannt werden. "Wir
wollten damit den Verschwundenen ihren Platz in der Stadt zurückgeben", so
Arellana. Doch bis auf wenige Ausnahmen wurden die Pläne nicht umgesetzt. Weil
ein Großteil der Verschwundenen zur Linken gehörte, läuft die kolumbianische
Rechte dagegen Sturm.

"N.N." ist der zweite Teil des Projekts. Der Film soll helfen, den
Verschwundenen eine Stimme zu geben und in Europa die Verhältnisse in Kolumbien
bekannter zu machen, sagt Arellana. In Deutschland haben sich sowohl kirchliche
Gruppen, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen
an der Solidaritätsarbeit beteiligt, zeigt sich Arellana zufrieden. Doch der
engagierte Künstler hat schon wieder neue Projekte und Pläne im Dienste der
Solidarität. Auch deswegen unternimmt er demnächst wieder die gefahrvolle
Reise nach Kolumbien.

Kontakt zu den Filmemachern:

arellana@yahoo.com

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