jungen Welt vom 07.11.2001Mit Panzern und Bulldozern gegen Tayad
Istanbul: Tote bei Polizeiüberfall auf Angehörige der türkischen Gefangenenorganisation
Peter Nowak

Mit Panzern und Bulldozern stürmten am Montag nachmittag schwer bewaffnete Polizeieinheiten den Istanbuler Armenstadtteil Kucukarmutlu. In der Hochburg der türkischen Linken am Rande der Bosporusmetropole haben sich seit mehreren Monaten Angehörige der Gefangenenorganisation Tayad an einem unbefristeten Todesfasten beteiligt. Mit dieser Aktion wollten sie die politischen Gefangenen unterstützen, die seit dem 20.Oktober 2000 mit einem Todesfasten gegen ihre Zwangseinweisung in die F-Typ-Zellen genannten Isolationstrakte protestieren. 74 Gefangene haben bisher in diesem Hungerstreik ihr Leben verloren.

Die drei Widerstandshäuser, in denen die Todesfastenden lebten, waren immer wieder Ziel von Solidaritätsdelegationen aus vielen europäischen Ländern und der türkischen Regierung zunehmend ein Dorn im Auge. Schon zweimal versuchte die Polizei, die Häuser zu stürmen, was aber am heftigen Widerstand der Stadtteilbewohner scheiterte. Am Montag brachen die Sicherheitskräfte in den Stadtteil ein, als gehe es darum, ein fremdes Land zu erobern, berichteten Augenzeugen. Vermummte Scharfschützen bombardierten die Häuser der vom Todesfasten geschwächten Menschen mit Gasgranaten und schossen mit scharfer Munition. Zahlreiche Häuser wurden bei der Aktion zerstört, zahlreiche Menschen zum Teil schwer verletzt. Die genaue Anzahl der Toten steht noch nicht fest. Die Wiener Menschenrechtsorganisation Prison Watch meldete die Namen von fünf Menschen, die ihr Leben verloren haben: Während Arzu Güler, Sultan Yildiz, Bülent Durgaç und Baris Tas durch die Polizeiattacken starben, hat sich der Todesfastende Haydar Bozkurt selbst verbrannt. Auch in einem Gefängnis soll sich ein Todesfastender aus Protest gegen die Polizeiaktion selbst verbrannt haben.

Der Stadtteil Kucukarmutlu ist indes weiträumig von der Polizei abgeriegelt. Schon am Sonntag stürmte die Polizei das Büro der Angehörigenorganisation am Istanbuler Taksim-Platz und nahm zahlreiche Menschen fest, darunter den Generalsekretär der Organisation. Menschenrechtler sehen einen Zusammenhang zwischen der Polizeiaktion und der Beteiligung der türkischen Armee am Krieg gegen Afghanistan. So erklärte Ercan Kanar vom Menschenrechtsverein IHD, daß der Krieg gegen Afghanistan die bescheidenen Anfänge einer Zivilgesellschaft in der Türkei zu begraben droht.

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