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junge Welt06.09.2001Einsamer Protest in Armutlu Beim Hungerstreik der Gefangenen in der Türkei scheint eine Lösung ferner denn je _________________________________________________________________
Eine kühle Prise weht vom Bosporus und bringt angenehme Milderung in den heißen Istanbuler Augustabend. Vom Armenstadtteil Armutlu hat man einen atemberaubenden Ausblick auf die Bosporusmetropole. Zigtausende Autoscheinwerfer künden vom Feierabendverkehr. Irgendwo weit draußen wird ein Feuerwerk abgebrannt.
»Das Leben ist schön und wird auch ohne uns weitergehen«, sagt Mehmet Altun mit ausladender Geste. Es sind keine flüchtig dahergesagten Worte des Mittdreißigers. Gemeinsam mit sieben weiteren Männern hat er auf der Veranda eines Hauses in Armutlu Platz genommen. Alle Männer tragen rote Bänder um den Kopf, das Symbol der Todesfastenden.
Am 20. Oktober 2000 haben politische Häftlinge in zahlreichen türkischen Gefängnissen mit der Nahrungsverweigerung begonnen, um ihre Verlegung in die F-Typ genannten Isolationszellen zu verhindern. Mit einer militärischen Operation, die 28 Gefangenen das Leben kostete, wurden Ende Dezember 2000 die Gefangenen zwangsweise in die Isolationszellen gebracht. Doch der Widerstand war damit nicht gebrochen. Die Gefangenen setzten auch in den neuen Zellen ihre Aktion fort. Mehr als 35 Häftlinge verloren seitdem durch den Hungerstreik ihr Leben. In den letzten Monaten versucht die türkische Regierung, mit einer neuen Taktik den Widerstand zu beenden. Sie setzte einen Teil der gesundheitlich besonders schwer geschädigten Gefangenen für sechs Monate auf freien Fuß. Doch die Mehrheit von ihnen setzte ihr Todesfasten außerhalb der Knäste fort.
Die Männer mit den roten Bändern auf den Hügeln von Armutlu gehören dazu. Sie sind Aktivisten der Revolutionären Volksbefreiungsfront/Partei (DHKP-C) und waren mit Unterbrechung bis zu 15 Jahren inhaftiert. Obwohl sie auf den ersten Blick noch recht gesund aussehen, wird schnell deutlich, wie sehr ihnen das Todesfasten und der lange Gefängnisaufenthalt zugesetzt haben. Viele müssen beim Gehen gestützt werden. Nur wenige Häuser weiter wohnen sieben Frauen, die sich dem Hungerstreik ebenfalls angeschlossen haben. Eine liegt im Sterben.
Auch im Stadtteil Ali Bey Koi sind mittlerweile drei freigelassene Gefangene ins öffentliche Todesfasten getreten. Es sind Aktivisten der maoistischen TKP (ML), die erst vor wenigen Tagen das Gefängnis verlassen haben und dort verschiedenen Foltermethoden ausgesetzt waren. Zu ihnen gehört Tekin Yildiz, der nach einer Zwangsernährung im Gefängnis weder laufen noch sprechen konnte. Auch wenn sich seine gesundheitliche Situation mittlerweile leicht gebessert hat, kann er nicht mehr als drei Sätze zusammenhängend sprechen. Trotzdem ist es für alle drei selbstverständlich, das Todesfasten fortsetzen.
»Wir kämpfen nicht nur gegen die Isolationszellen. Wir wollen mit unserer Aktion die revolutionären Traditionen in unserem Land verteidigen. Denn schlimmer als unser Tod wäre ein Ende der revolutionären Bewegung in unserem Land«, erklärt Aydin Hanbayat, und seine Freunde stimmen ihm zu. Sie verweisen auf Beispiele aus den früheren 70er Jahren, als einige Aktivisten mit entschlossenen Aktionen die Massen mobilisieren konnten.
Davon kann zur Zeit in der Türkei keine Rede sein. Noch im letzten Herbst engagierte sich ein breites Bündnis von linken Parteien und Menschenrechtsgruppen für die Ziele der Gefangenen. Doch der blutige Sturm auf die Gefängnisse hat die Gesellschaft gelähmt. Schließlich droht in der Türkei denjenigen, die sich für die Gefangenen einsetzen, Gefängnis, Folter und schlimmstenfalls der Tod.
Die Mütter der Angehörigenorganisation Tayad lassen sich davon nicht abschrecken. Lautstark melden sie sich immer wieder zu Wort. Ende August erstatteten sie vor dem Istanbuler Staatsgerichtshof wieder einmal Anzeige gegen die Polizei und die türkische Regierung. In den letzten Wochen wurden Verwandte von Todesfastenden von staatlicher Seite per Brief aufgefordert, ihre Angehörigen von der Fortsetzung ihrer Aktion abzubringen. Seitdem haben Angehörige in Izmir drei Todesfastende gewaltsam aus ihren Wohnungen verschleppt und an einen unbekannten Ort gebracht. Tayad-Mitglieder befürchten, daß sie dort zwangsernährt und, wenn sie sich wehren, auch gefoltert werden.
Peter Nowak, Istanbul |