jungen Welt vom 12.12.2001Tacheles reden gegen Nazis im Internet
Zwei Initiativen mit nicht nur virtuellen Aktivitäten gegen rechte Haßtiraden im Cyberspace vorgestellt
Peter Nowak

Auch im Internet hetzen Neonazis immer massiver gegen Ausländer, Juden und alle, die nicht in ihr Weltbild passen. Der Verein »Tacheles Reden!« will diesem Treiben nicht tatenlos zusehen. Initiativen gegen rechte Aktivitäten im Internet gehören zu den Schwerpunkten der Arbeit, so Vereinssprecher Ingolf Seidel. In Berlin stellte der Verein dieser Tage zwei dieser Initiativen vor.

Markus Saga berichtete über das Engagement der Jugendinitiative gegen Rechts, die in Zusammenarbeit mit dem Antifaschistischen Pressearchiv und dem Bildungszentrum Berlin e.V. eine Homepage mit ganz praktischen Tips für politische Arbeit gegen rechts aufbaut, die in den nächsten Wochen ins Netz gestellt werden soll. »Damit sollen Menschen in Dörfern und Kleinstädten angesprochen werden, wo es keine linken politischen Initiativen gibt«, erläutert Saga.

Die zweite vorgestellte Initiative hat sich bereits einen Namen als größter jüdischer Online-Dienst in deutscher Sprache gemacht. Anfangs wollte das Online-Magazin Hagalil die Kommunikation unter den verstreut lebenden Juden erleichtern und über das Judentum informieren. Doch bald wurde man mit antisemitischen Mails bombardiert. Dies sei der Auslöser für den Beginn der Arbeit gegen rechte Propaganda im Internet gewesen, so Hagalil-Herausgeber David Gall.

»Man stößt häufig auf Naziseiten, wenn man Begriffe aus der jüdischen Lebenswelt wie Talmud oder Thora in die Suchmaschinen eingibt«, so Gall. Die Strategie von Hagalil: Historiker, Religionswissenschaftler und Juristen stellen zahlreiche Texte über jüdisches Leben, jüdische Religion und Philosophie ins Internet. So verhindere man durch eigene Präsenz im Netz, daß Schüler an die Naziseiten gelangen. Gleichzeitig setzt sich Hagalil für die Umsetzung des bestehenden gesetzlichen Instrumentariums gegen rechte Propaganda im Internet ein. So können Internetsurfer über http://www.hagalil.com auf rechte Seiten aufmerksam machen, die dann auf mögliche Straftatbestände überprüft werden. So konnte schon mehrfach rechte Propaganda unterbunden werden. Alle Hagalil-Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig. Staatliche Unterstützung für das Projekt gibt es bis heute nicht. »Es gab schon Zeiten, wo wir das Projekt beenden wollten, weil wir der finanziellen Probleme und der ständigen Angriffe der Rechten müde waren« so Gall. »Aber die Furcht, dann den Rechten das Feld auf virtuellem Gebiet zu überlassen, läßt uns weitermachen.«

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]