junge Welt20.08.2001»Keine Zigeuner im Freibad«
Diskriminierende Maßnahmen in Offenbach und Bad Hersfeld gegen Sinti
und Roma
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Die Freibäder sind bei diesem Hochsommerwetter auch in Hessen
überfüllt. Doch nicht allen zahlenden Gäste wird im Offenbacher
Schwimmbad Rosenhöhe Einlaß gewährt. »Wir wollen keine Zigeuner mehr
im Bad«, erklärte der Technische Leiter des Schwimmbads, Gerhard
Eidmann, kategorisch. Als Grund werden von ihm Verhaltensweisen
angeführt, die in Bädern Alltag sind. So würden Sinti und Roma
Essensreste auf der Wiese hinterlassen. Junge Männer würden sich zum
Spaß gegenseitig ins Becken werfen. Aus kulturellen Gründen würden die
Sinti- und Romafrauen auch im Wasserbecken Kleidung tragen.

Das Bündnis gegen rechte Gewalt und Rassismus in Offenbach sieht
andere Gründe für das Hausverbot für Sinti und Roma. »Es kann nicht
sein, daß Menschen wegen ihrer Herkunft und ihres Aussehens nicht ins
Schwimmbad dürfen«, erklärte Barbara Leissing, Sprecherin der
Initiative, der Frankfurter Rundschau. Im Offenbacher Rathaus dagegen
zeigen sowohl Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD) als auch die
grüne Sozialdezernentin Ingrid Borretty Verständnis für die Maßnahmen
des Schwimmbads: »Die haben unsere volle Unterstützung«.

Es ist nicht das erste Mal, daß in Hessen Sinti und Roma offen
diskriminiert werden. So wurde vor wenigen Wochen bekannt, daß in der
osthessischen Kleinstadt Bad Hersfeld in mehreren Stadtteilen keine
Wohnungen an Sinti und Roma vermietet werden. Das wurde einem
Betroffenen von den Behörden mittlerweile sogar schriftlich bestätigt:
»Im Magistrat besteht seit Jahren Einvernehmen, daß im Ortsbezirk Hohe
Luft nur noch dann Mietverträge mit Sinti abgeschlossen werden, wenn
die jeweils freie Wohnung bereits vorher von Sinti genutzt wurde«. Der
Vorsitzende des hessischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma,
Adam Strauß, wirft Magistrat und Bürgermeister der Stadt Hersfeld vor,
mit dieser Begründung das Grundgesetz, die Menschenrechtskonventionen
und auch datenschutzrechtliche Bestimmungen zu mißachten. »In
konsequenter Umsetzung erfordert eine solche Praxis eine gesonderte
Kennzeichnung, Erfassung und Überwachung - und könnte im Streitfall
sogar erbbiologische Fragen berühren«, erklärte er.

Bad Hersfelds Bürgermeister Hartmut Boehmer hingegen verteidigt die
Wohnungsverweigerung. Der Stadt stünde wie jedem privaten Vermieter
frei, Mietverträge zu verweigern. Eine Ablehnung brauche nicht
detailliert begründet zu werden. Auf die Frage, wie Sinti überhaupt zu
identifizieren wären, sagte Boehmer vieldeutig: »Wir kennen doch
unsere Kunden«.

Es ist nicht das erste Mal, daß der rechtslastige Bad Hersfelder
Bürgermeister für Wirbel sorgte. 1989 hatte er sich als erstes
Stadtoberhaupt mit den Stimmen der neonazistischen NPD ins Amt wählen
lassen. Als »Bürgermeister von Nazis Gnaden« mußte er allerdings
schnell aufgeben. Selbst die CDU sorgte damals für seine Abwahl, als
sich die Presse für die Ereignisse in der osthessischen Kleinstadt zu
interessieren begannen. Danach trat er aus der CDU aus und ließ sich
als Parteiloser 1994 wieder ins Amt wählen.

Peter Nowak

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