taz24.7.2001Nachtreten gegen die Presse
Kaum hatte sich der Sturm von Genua gelegt, stürmte die italienische Polizei
die Büros eines besonders gefährlichen Gegners: Razzia beim unabhängigen
Mediennetzwerk "Indymedia"
aus Genua Peter NOWAK

"Wir hatten gehofft, dass der Stress langsam vorbei ist" meinte Sabine L.
rückblickend. Die Aktivistin des unabhängigen Mediennetzwerk Indymedia
http://germany.indymedia.org/ kam gerade dazu, etwas frische Luft zu schnuppern. Die
letzten Tage war sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen
Ländern ununterbrochen auf den Beinen. Eine Aktion jagte die andere, und immer
waren Indymedia-Aktivisten vor Ort. Dann mussten Meldungen über Festnahmen und
Misshandlungen in Polizeihaft recherchiert werden.

Höhepunkt ihrer Nachrichtenarbeit war die Verbreitung der Umstände, unter
denen der junge Globalisierungsgegner Carlo Giuliani am Freitagabend in der
Innenstadt von Genua von Polizeikugeln getroffen und anschließend noch
überfahren wurde. Die bei Indymedia eingespeisten Bilder vom Tathergang
http://www.indymedia.org/ gingen um die Welt. Sehr zum Missfallen der italienischen
Behörden und der Polizei.

Unmittelbar nach dem Ende der Protestaktionen nahmen sie Rache. Am
Sonntagmorgen gegen 1 Uhr stürmten schwer bewaffnete Polizisten die von der Stadt
Genua bereitgestellte Schule, in der, neben Indymedia eine Rechtshilfestelle für
festgenommene Demonstranten und eine Erste-Hilfe-Station für Verletzte
untergebracht war. Unzählige Demonstranten ließen sich dort wegen Augen- und
Mundreizungen nach dem immensen Tränengaseinsatz verarzten: vorwiegend ältere
Personen, die ohne Gasmaske und Wasserflaschen den Gasangriffen ausgesetzt waren,
mit denen die Polizei die gesamte Demonstration eindeckte.

Zunächst stürmte die Polizei ein der Schule gegenüberliegendes Gebäude, das
als Schlafstelle für die Aktivisten diente. Zum Zeitpunkt der Razzia haben
dort etwa 50 Personen geschlafen. Augenzeugen berichteten von einer
unglaublichen Brutalität, mit der die Polizei die Türen einschlug und mit Knüppeln auf
die im Schlaf Überraschten einprügelte. Als nach mehreren Stunden
Medienvertreter die Raume betreten konnten, waren auf vielen Wänden und Heizungen noch
Blutspuren zu sehen.

UPS-Kleinbus als Panzerwagen deklariert

In den Räumen von Indymedia ging die Polizei allerdings nicht so brutal vor.
Zu diesem Zeitpunkt befanden sich schon Pressevertreter und auch einige
Abgeordnete des italienischen Parlaments vor Ort. Nachdem in den Indymedia-Räumen
die Polizei zunächst mit großer Brutalität auftrat, entspannte sich die Lage
nach einiger Zeit. Die anwesenden Personen durften rauchen und miteinander
reden. Die Polizei durchsuchte die gesamten Räume und beschlagnahmte unter
anderem Videomaterial und Filme.

Die sanfteren Durchsuchungsmethoden könnten damit zusammenhängen, dass man
mit Medienvertretern nicht ganz so heftig umspringen kann. Staatliche
Behinderrungsversuchen durch die Polizei mussten die Indymedia-Aktivisten schon vor
Beginn der Aktionstage über sich ergehen lassen. Obwohl sie offizielle
Presseausweise besaßen, wurden die von der Polizei mehrmals als gefälscht bezeichnet
und einfach ignoriert. So kam es, dass in der letzten Woche mehrmals
Indymedia-Mitarbeiter für mehrere Stunden bei ihrer Arbeit festgenommen und verhört
wurden.

Am Dienstag wurde eine Berliner Mitarbeiterin mit anderen Frauen
festgenommen, als sie gerade in einem geliehenen Kleinbus Computer und andere für die
Pressearbeit nötige Materialien in Genua transportierte. In einer Erklärung der
Polizei wurden die Festgenommenen beschuldigt, einen Terroranschlag gegen
den G-8-Gipfel vorbereitet zu haben. Dafür wurde ein UPS-Kleinbus in einen
gepanzerten Wagen uminterpretiert. Diese Erklärung der italienischen Polizei
wurde in der Folge von der Bild-Zeitung, aber auch von seriösen Medien
kommentarlos weiterverbreitet. Dass alle Beschuldigten in den nächsten Stunden wieder
auf freiem Fuß waren, wurde natürlich nicht gemeldet. Auch bei der jüngsten
Razzia wurde zunächst behauptet, die Polizei habe Rauchbomben gefunden. Später
tauchte diese Begründung allerdings nicht mehr auf.

Gewalt, Gegengewalt und gewaltsame Razzien

Ehrlicher war wohl der Polizeisprecher von Genua Mario Viola. Die Razzia sei
"eine Reaktion auf die von Globalisierungsgegnern ausgegangene Gewalt in den
vergangenen beiden Tagen gewesen", ließ er erklären. Das sehen auch die
Aktivisten von Indymedia ähnlich, natürlich mit anderen Interpretationen: Es sei
"gelungen, die gefilterte und verlogene Darstellung der Proteste gegen den
G-8-Gipfel durch Bilder, Texte, Filme und Tonaufnahmen zu konterkarieren. Das
ist ein massiver Eingriff in die ,Souveränität' der Herrschenden, die alleine
bestimmen wollen, was wahr ist, und dementsprechend massiv ist ihre Antwort."

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