jungen Welt vom 23.11.2001Nach der Pinochet-Diktatur: Neue Aktionen gegen Gewalttäter?
jW sprach mit Isabel Oyanander der Organisation Funa, in der Demokraten in Chile gegen die Straflosigkeit von Folterern der Militärdiktatur kämpfen
Interview: Peter Nowak

F: Was bedeutet Funa?

»Funa« ist ein chilenischer Slang-Ausdruck und heißt, jemanden öffentlich zu brandmarken oder moderner zu outen. Die Arbeit der politischen Bewegung Funa besteht darin, Menschenrechtsverbrecher aus der Pinochet-Ära ausfindig zu machen und an ihrem Wohnort oder Arbeitsplatz öffentlich anzuklagen.

F: Macht das heute noch Sinn?

Sehr viel: Schließlich gibt es außer ein paar Prozessen und dem fast wie eine Seifenoper behandelten Pinochet-Fall bis heute Straffreiheit für die Menschenrechtsverbrecher der Diktatur. Das liegt an der Straflosigkeit, die sich die Militärs in der von ihnen diktierten Verfassung selber verordnet haben. Um dem entgegenzutreten, ist 1999 unter dem Eindruck der Verhaftung Pinochets die Funa als Aktionsform entstanden. In der Comisión Funa sind mehr als 20 linke Gruppen Chiles zusammengeschlossen, darunter Gewerkschaften und sämtliche Parteien links von den regierenden Sozialdemokraten. Die Aktion wird aber hauptsächlich von Jugendlichen getragen, die teilweise während der Militärdiktatur noch nicht lebten.

F: Welche Folgen hatte die Aktion bisher für die »Geouteten«?

Juristische Konsequenzen hatte das für die Betroffenen bisher nicht. Doch es gab Konsequenzen anderer Art. So boykottierten Patienten einen Arzt, nachdem wir ihn als Folterer gebrandmarkt hatten. Außerdem wurde in dem Krankenhaus, in dem er arbeitete, von gewerkschaftlich organisierten Kollegen eine Aktionswoche über Menschenrechte organisiert, bei der seine politische Biographie im Mittelpunkt stand. In einem anderen Fall sorgten die Nachbarn dafür, daß der Folterer seine Wohnung aufgab. Doch die Comisión Funa ermittelte auch seine neue Adresse. Damit wollen wir den Folterer zeigen, daß er sich der Gerechtigkeit auf Dauer nicht entziehen kann.

F: Wie reagiert die Regierung unter dem Sozialdemokraten Lagos auf die Funa?

Unter der Lagos-Regierung hat die Repression gegen uns enorm zugenommen, denn wir stören die Politik der sogenannten nationalen Aussöhnung. In den letzten Monaten ging die Polizei mit Wasserwerfern gegen die Funas vor. Im Juli wurden dabei 93 Personen, im August 20 und im Oktober 36 Personen festgenommen und mit Geldstrafen belegt. Das liegt sicherlich auch daran, daß wir Personen geoutet haben, die noch heute in der Politik aktiv sind.

F: Geht es lediglich darum, die Verbrecher der Militärdiktatur kenntlich zu machen, oder intervenieren Sie auch bei aktuellen Menschenrechtsverletzern?

Unser Kampf ist weitreichender, als nur die Verbrecher der Militärdiktatur bekanntzumachen. Ein weiteres Arbeitsfeld ist schließlich die menschenunwürdige Situation der politischen Gefangenen, die auch unter der sogenannten Demokratie in chilenischen Gefängnissen sitzen.

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