junge Welt Interview16.08.2001Warum ist Freitag Aktionstag für Mumia?
junge Welt sprach mit Victor Grossman
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* Seit fast zwanzig Jahren sitzt Mumia Abu-Jamal in der Todeszelle.
Für den 17. August organisierte das Aktionsbündnis für den
afroamerikanischen Publizisten und Journalisten eine Dauerkundgegbung
vor der US-Botschaft in Berlin. Der deutsch-amerikanische Journalist
Victor Grossman ist Mitglied dieses Solidaritätsbündnisses. Kontakt:
Aktionsbündnis für Mumia: Kreutziger Str. 18, 10247 Berlin,
Telefon/Fax: 030/294 916 99

F: Warum gibt es ausgerechnet am Freitag einen internationalen
Aktionstag für Mumia Abu-Jamal?

Der zuständige Richter Yohn verzögert seit anderthalb Jahren eine
Anhörung zu Mumia beim Bundesgericht von Pennsylvania. Gleichzeitig
setzte er aber ein böses Zeichen, als er die Vernehmung von Arnold
Beverly ablehnte. Dieser Mann hat schon 1999 unter Eid ausgesagt, er
und nicht Mumia Abu-Jamal habe 1981 den Polizisten Daniel Faulkner
erschossen. Richter Yohn begründet seine Weigerung, diesen
entscheidenden Zeugen anzuhören, mit einem 1995 erlassenen Gesetz mit
dem Titel »Anti- Terrorismus und eine effektive Todesstrafe«. Danach
dürfe sein Gericht nicht über Mumia Abu Jamals Schuld oder Unschuld
sondern nur darüber entscheiden, ob seine »verfassungsmäßigen Rechte«
während des Prozesses verletzt worden seien, so seine Lesart. Nun wird
am Freitag die städtische Richterin Pamela Dembe in Philadelphia die
beiden Seiten anhören, um zu entscheiden, ob Beverlys Geständnis vor
zwei Jahren etwas an dem Fall Mumia Abu-Jamal ändert. Zum ersten Mal
seit vier Jahren wird Mumia aus der Todeszelle in West- Pennsylvania
in einen Gerichtssaal gebracht. Obwohl alles juristisch schwer
durchschaubar ist, wird trotzdem klar, daß dies eine seiner letzten
Chancen darstellt - und seine sehr starken Gegner wollen seinen Tod.

F: Wie stark ist zur Zeit die Solidaritätsbewegung in den USA, und was
ist dort am 17. August geplant?

Es gibt etliche Organisationen in den USA, die am Kampf für Mumia
teilnehmen: schwarze Organisationen, Akademiker, Gewerkschafter, auch
Amnesty International und manche Prominente. Doch die Medien der USA
haben bis auf wenige Linke ein beinahe totales Schweigen über den Fall
praktiziert, den Namen Mumia fast zum Tabu gemacht. Wie stark die
Bewegung trotzdem ist, wird man am Freitag ab 9 Uhr früh vor dem
Gerichtsgebäude und bei einem Marsch durch die Innenstadt bis zum
Bundesjustizgebäude sehen. Am Sonnabend findet ein Marsch statt,
organisiert von der Gruppe »Internationale der besorgten Familie und
Freunde von Mumia Abu-Jamal«. Auch in San Francisco ist eine
Kundgebung für Sonnabend geplant.

F: Was ist in Berlin vorgesehen?

Wir wollen am Freitag von 12 bis 19 Uhr vor der USA- Botschaft in der
Neustädtische Kirchstraße demonstrieren. Optischer Mittelpunkt wird
eine riesige USA-Fahne mit schwarzem Flor sein, daneben ein
elektrischer Stuhl. Wir wollen damit deutlich sagen, daß Mumia nicht
hingerichtet werden darf, daß es der Toten längst weit mehr als genug
gegeben hat. Kundgebungsmotto ist »The whole world is watching« - Die
ganze Welt schaut zu. Mal sehen, ob die USA auch in diesem Fall dem
Willen von sehr vielen Menschen in der Welt blutig trotzen will.

F: Wer sind die Organisatoren der Solidaritätsaktion?

Hauptsächlich das Aktionsbündnis für Mumia Abu- Jamal. Doch die kleine
Zahl an Engagierten dort hat auch Unterstützung von vielen anderen
Gruppen in Berlin und anderen deutschen Städten sowie von etlichen
Musikgruppen und Persönlichkeiten, die während der Aktion singen oder
spielen werden. Es soll nie langweilig werden.

F: Ist es nicht schwierig, über so viele Jahre die Solidaritätsarbeit
mit Mumia aufrechtzuerhalten?

Wir fragen uns manchmal, ob nicht die lange Wartezeit, durch Richter
Yohn verursacht, vielleicht gar gedacht war, um die Menschen in diesem
Kampf ermüden zu lassen. Das wissen wir nicht, doch sind wir
entschlossen, nicht nachzulassen bis Mumia nach 20 Jahren endlich
freikommt - und wir hoffen, daß es sehr viele Menschen in
Philadelphia, San Francisco, Paris, Rom und besonders in Berlin
mitmachen.

Interview: Peter Nowak

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