Neues Deutschland vom 10.02.01Der Mescalero-Aufruf und die Unterwerfung der 68er
Treppenwitz der Geschichte


Jahrzehntelang bemühten sich Medien und Politiker den politischen Aufbruch
von 1968 bis 1978 endgültig für erledigt und vergessen zu erklären. '1989
hat 1968 besiegt' lautete der passende Slogan. Doch plötzlich befindet sich
die Republik mitten in einer Debatte über einen Text, der die Linke in den
70er Jahre bewegte. Die sozialliberale Frankfurter Rundschau (FR) betritt
beim Abdruck des sogenannten Buback.Nachrufs am 25.Januar 2001 Neuland.
"Der Text löste heftigste öffentliche Reaktionen aus. Trotz des
monatelangen Diskussionen über den Text veröffentliche ihn keine deutsche
Zeitung im Wortlaut, auch die FR nicht" hieß es im Vorspann der Redaktion.
Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, als eben jener Buback-Nachruf, der
nach dem Pseudonym des damals anonymen Verfassers auch Mescalero-Text
genannt wurde die BRD gehörig durcheinander wirbelte. Am 7.April 1977 war
der Generalbundesanwalt Siegfried Buback in Karlsruhe von einem Kommando
der Rote Armee Fraktion (RAF) erschossen wurden. Am 25.April erschien in
einer Göttinger AstA-Zeitung unter der Überschrift "Buback - ein Nachruf"
ein mit Mescalero unterzeichneter Artikel, der sich mit dem Attentat auf
Buback und die Reaktion der Linken auseinandersetzt. Der Autor kam aus dem
Umfeld der Spontis. So lautete die Selbstbezeichnung jener undogmatischen
Linken, die sich in der BRD Mitte der 70er Jahre von den existierenden
kommunistischen Kleinstparteien abgrenzten und statt auf
Organisationsdiziplin und Treue zur Arbeiterklasse auf Basisdemokratie,
Kampf gegen Hierarchien und die Ablehnung absoluter Wahrheiten setzten. Die
ganze Argumentationslinie des vom Verfasser als 'Rülpser' bezeichneten
Textes atmet den Geist der auf Subjektivität und Moral basierenden
Sponti-Ideologie. Mescalero lehnt das Attentat auf Buback entschieden ab.
"Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir zur Anarchie) kann nicht mit Leichen
gepflastert sein." Aber er weigert sich auch, in die staatlich verordneten
Trauerrituale für den Generalbundesanwalt einzustimmen. "Meine unmittelbare
Reaktion, meine "Betroffenheit" nach dem Abschuss von Buback ist schnell
geschildert. Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude
nicht verhehlen". Der Halbsatz von der "klammheimlichen Freude" wurde
schließlich zum geflügelten Wort, mit dem der weithin unbekannte Text und
sein Verfasser in die Terrorismus-Ecke gerückt und zum Abschuss freigegeben
wurden. Der CDU-nahe Ring Christlicher Studenten (RCDS) stellte gegen den
Göttinger Asta Strafanzeige wegen der Billigung von Mord. Daraufhin
durchsuchte die Polizei am 27 Mai in einer Großaktion in Göttingen das
AstA-Büro, zwei Druckereien, eine Buchhandlung, die Büros verschiedener
linker Organisationen und von 17 Privatwohnungen. In Solidarität mit den
von Repression Betroffenen wurde der Buback-Nachruf in den nächsten Wochen
in verschiedenen Alternativ- und Studentenzeitungen nachgedruckt.
Bundesjustizminister Vogel kündigte an, gegen jeden Nachdruck "unter jedem
in Betracht kommenden rechtlichen Gesichtspunkt" Strafanzeige zu erstatten.
Mit einer gegen die Kriminalisierung des Buback-Nachrufs gerichteten
Stellungnahme von 138 Göttinger Wissenschaftlern im Juni 1977 und einer
kurze Zeit später von 47 Hochschullehrern und Rechtsanwälten aus
Westberlin, Bremen, Niedersachsen und Bielefeld herausgegebenen
Dokumentation "Buback- ein Nachruf" weitete sich der Konflikt um den
Sponti-Text zu einer Auseinandersetzung zwischen dem starken Staat und auf
Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit pochenden kritischen Intellektuellen
aus. "Mit seiner Veröffentlichung wollen wir zugleich dazu beitragen, der
Kriminalisierung, der Illegalisierung und dem politischen Äußerungsverbot
entgegentreten" schrieben die Professoren im Vorwort ihrer Dokumentation.
Doch bald wurden sie selber in den Medien verleumdet und kriminalisiert.
Als im September 1977 der niedersächsische Wissenschaftsminister Pestel
den 13 niedersächsischen Mitherausgebern der Dokumentation eine Erklärung
zur Unterschrift vorlegte, in der sie ihre Treue gegenüber dem Staat
bekräftigen sollten, hatte die Furcht vor den drohenden Verlust ihrer
Professur und der öffentliche Druck Wirkung gezeigt. 12 Professoren
unterzeichneten diese Erklärung, wenn auch unter Vorbehalt. Der
Hannoveraner Sozialpsychologe Peter Brückner weigerte sich beharrlich und
wurde vom Dienst suspendiert und mit Hausverbot an der Universität belegt.
Bis zu seinem Tod im Jahre 1982 konnte er nicht mehr an seinen Arbeitsplatz
zurückkehren. Die Westberliner Herausgeber des Buback-Nachrufs kamen
glimpflicher davon. Nachdem das Berliner Kammergericht mehrmals eine
Anklage wegen Verunglimpfung des Staates und Volksverhetzung verschoben
hatte, wurden sie im November 1977 endgültig freigesprochen. Dieses als
Prominentenprozess bezeichnete Verfahren setzte der Aufregung um den
Buback-Nachruf in der Öffentlichkeit ein Ende. Allerdings wurden weniger
bekannte Personen, darunter 164 Studenten der Pädagogischen Hochschule
Westberlins, im Zusammenhang mit dem Nachdruck und dem Verteilen des
inkriminierten Textes zu teilweise hohen Geldstrafen verurteilt. Im
Rückblick war die Auseinandersetzung um den Buback-Nachruf das
Rückzugsgefecht einer im Gefolge der 68er-Bewegung entstandenen Neuen
Linken, die sich eine grundsätzliche Umwälzung aller
Unterdrückungsverhältnisse zum Ziel gesetzt hat. Mit dem sprichwörtlichen
Deutschen Herbst war diese Linke endgültig an ihre Grenzen gestossen. Kurze
Zeit später, Ende der 70er Jahre, wurden die Spontis ein entschiedener
Motor für die entstehende Alternativbewegung, die bald über grüne und
bunte Listen den erfolgreichen Marsch durch die Institutionen des Staates
antrat.
Dass sich ausgerechnet Bundesumweltminister Jürgen Trittin nach fast einen
Vierteljahrhundert noch einmal wegen des Buback-Nachrufs rechtfertigen
muss, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Schließlich hatte er mit dem
Verfasser lediglich gemeinsam, dass er zur gleichen Zeit an der selben
Göttinger Universität studierte. Aber anders als 'Mescalero' gehörte
Trittin nicht zu den Spontis sondern zum Kommunistischen Bund, einer
Organisation undogmatischer Maoisten, die 1977 das Grundrecht der
Meinungsfreiheit auch für den Autoren des Buback-Nachrufs verteidigten.
Diese Zivilcourage bringt der Umweltminister heute nicht mehr auf. Nach
einigen Zögern hat er sich schließlich doch noch von einem Text
distanziert, mit dem er nie etwas zu tun hatte.
Nicht alle ehemaligen 68er-Aktivisten sind so distanzierungswütig. Unter
dem Motto "Ich bekenne: Ich habe mich gewehrt, habe protestiert und
demonstriert....." taten in einer in der FR vom 7.2.01 veröffentlichten
Anzeige mehr als hundert Wissenschaftler, Gewerkschaftler und Journalisten
kund, dass sie die Deutungsmacht über die Protestbewegung nicht dem Staat
überlassen wollen. "Als im "deutschen Herbst" elementare Grundrechte außer
Kraft gesetzt wurden, habe ich die Drohung mit dem Polizeistaat nicht
schweigend hingenommen" heißt es in dem Aufruf.
Peter Nowak

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