jungen Welt vom 27.10.2001Maulkorb in der Provinz
Siegener Lehrer wegen Äußerungen zu Terroranschlägen weiterhin suspendiert
Peter Nowak

Der Siegener Lehrer Bernhard Nolz ist in der nordrhein-westfälischen Stadt ein bekannter Mann. Der bekennende Alt-68er engagiert sich auch über seinen Beruf hinaus als Friedenspädagoge und Konfliktmanager. Doch seit mehr als fünf Wochen sorgt der an der Bertha-von- Suttner-Gesamtschule tätige Mann für heftigen Streit, der dem pazifistischen Pädagogen seinen Job kosten könnte. Stein des Anstoßes war eine Rede, die Nolz am 17.September auf einer Schülerkundgebung gegen Gewalt und Krieg gehalten hatte. Die Initiative für diese Aktion ging von der Schülerselbstverwaltung aus. Die engagierten Jugendlichen wollten damit ihre Betroffenheit über die Anschläge in den USA zum Ausdruck bringen, gleichzeitig aber deutlich machen, daß ein Krieg keine Antwort darauf sein kann. In seiner sehr persönlich gehaltenen Rede verurteilte Nolz jede Form von Terrorismus, aber auch staatliche Gewalt und Krieg. »Im Tod sind alle Menschen gleich, sagt man. Und in allen Religionen findet sich das Gebot: Du sollst nicht töten! Es gilt für alle Menschen. Auch für Terroristen und Politiker«. Holz rief die Schüler unter dem John-Lennon-Motto »Give Peace a Chance« zu verstärktem politischen Engagement auf. Als Möglichkeiten benannte er die Mitarbeit bei Amnesty International, die Betätigung in interkulturellen Friedensgruppen und die Verweigerung des Militärdienstes. Die Jugendlichen quittierten die Rede mit Applaus. Doch schon am nächsten Tag geriet der Lehrer in die Schußlinie der konservativen Siegener Zeitung, wo ihm Antiamerikanismus vorgeworfen wurde. Kurz darauf hatte die Bild-Zeitung das Thema entdeckt und feuerte Breitseiten gegen den angeblichen Terrorismusverteidiger. Siegens Bundestagsabgeordneter Paul Breuer (CDU) griff die Kampagne gemeinsam mit seinen Parteifreunden aus der Region auf. Jetzt wurde dem Pädagogen Mißbrauch einer Trauerkundgebung zu politischen Zwecken vorgeworfen. Höhepunkt war schließlich die Einleitung von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Siegen und des Staatsschutzes Hagen. Nolz habe sich mit seiner Rede unter Umständen der Billigung von Straftaten schuldig gemacht; hieß es. Obwohl Juristen sicher sind, daß das Verfahren eingestellt wird, hat es für Nolz harte Folgen. Er wurde Ende September von der Arnsberger Bezirksregierung vorläufig vom Schuldienst suspendiert. Die ursprünglich bis zu den Herbstferien befristete Maßnahme wurde jetzt auf unbestimmte Zeit verlängert. Das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seinen Kollegen sei durch die öffentliche Diskussion empfindlich gestört worden. Doch nicht nur Nolz ist den Konservativen ein Dorn im Auge. Mit ihm sollen gleich Gruppen und Initiativen abgestraft werden, in denen er mitarbeitet. Dazu gehört das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK), dessen Leiter Nolz ist. Auf Druck der CDU sollen der bisher in der Region angesehenen Organisation die Fördergelder gestrichen werden.

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